Donnerstag, 4. November 2010

28.08.2010 – 21.09.2010: Mit Felix von Mexiko City nach Guatemala


28.08.2010 – Mexiko City und Teotihuacán


Die Entscheidung, ob wir mit dem Wohnmobil oder den „Öffentlichen“ zum Aeropuerto fahren werden, um unseren Sohn Felix abzuholen, war noch nicht getroffen, als uns die Besitzerin des Campingplatzes gegen Mittag herzlich begrüßte. Sie hatte einige Informationsbroschüren über Mexiko City und Teotihuacán sowie viele gute Tipps für uns. Vor allem erleichterte sie uns die Entscheidung für die „Öffentlichen“, und es war die richtige Entscheidung.

In Mexiko City, der 25 Millionen-Metropole, ist Individualverkehr durch hohe Maut- und Parkgebühren sowie ständig verstopfte Straßen und unzählige Baustellen nicht nur teuer, sondern auch zeitintensiv und nervenaufreibend. Als Alternative dazu gibt es ein hervorragend funktionierendes Bus- und Metrosystem. Sieht man mal von der Hauptverkehrszeit ab, wo sich unglaubliche Menschenmassen in die Metrozüge quetschen, dann ist es ein ideales Verkehrsmittel. Für 3 Pesos (weniger als 20 Cent) konnte man so weit fahren und so oft umsteigen, wie man wollte. Ebenso konnten wir den Ruf, dass die Metro unsicher sei, weder bei unserer ersten Fahrt noch an den folgenden Tagen bestätigen. Polizei und Security trugen mit ihrer Präsenz dazu bei, dass wir uns recht sicher gefühlt haben. Natürlich waren wir auch vorsichtig, haben allzu überfüllte Züge nicht benutzt und sind vor allem nicht nachts unterwegs gewesen.

Mit Bus und Metro waren wir dann so schnell am Aeropuerto, dass wir bis zur Ankunft unseres Sohnes noch über eine Stunde Zeit hatten. Die Maschine aus Paris war pünktlich und dann stand unser Felix vor uns, etwas abgekämpft von dem langen Flug, aber genauso glücklich wie wir und voller Erwartungen an die gemeinsame Zeit.

Am nächsten Tag gab es erst einmal viel zu erzählen, bevor wir am Nachmittag die Hauptattraktion von Teotihuacán, die Heimat der Götter, besuchten. Das antike Teotihuacán war die Hauptstadt von Mexikos größten vorkolonialem Imperium, sie war die größte Stadt des alten Amerika und hatte zu ihrer Blütezeit in den Jahren 200 bis 500 über 200.000 Bewohner. Es war eine steinzeitliche Gesellschaft auf höchster Entwicklungsstufe in Hinblick auf Wissenschaft, Wirtschaft und Architektur. Der Niedergang der Stadt ist ungeklärt. Als die Azteken um 1250 im Hochtal von Mexiko ankamen war Teotihuacán schon mindestens ein halbes Jahrtausend verlassen. Sie konnten sich die gigantischen Bauten und die 40 Meter breiten Straßen nur als Hinterlassenschaft übernatürlicher Wesen erklären. So wurde der Mythos geschaffen, dass die Stadt von Riesen gebaut wurde und die Götter hier zu Hause sind. Sie nannten die Stadt „Heimat der Götter“, auf aztekisch Teotihuacán.

Ähnlich überwältigend wie damals für die Azteken war auch für uns der erste Eindruck von der Stadt. An der 2 Kilometer langen Straße der Toten stehen zu beiden Seiten die Ruinen von Pyramiden, Opferstätten und von den Palästen der Würdenträger. Höhepunkte sind jedoch die monumentale, 70 Meter hohe Sonnenpyramide mit einer Grundfläche von 225 mal 225 Meter, und die etwas kleinere Mondpyramide. Den schönsten Ausblick auf die gesamte Anlage soll man von der Mondpyramide aus haben. Nach dem beschwerlichen Aufstieg, die Stufen sind ungewöhnlich hoch, konnten wir diesen schönen Panoramablick genießen. Die Straße der Toten lag unter uns und verlor sich in der Ferne. Am Ende dieser antiken Allee befindet sich die Zitadelle mit dem Templo de Quetzalcóatl, einst Residenz des obersten Herrschers der Stadt. Als wir die ganze Anlage besichtigt hatten und verschwitzt, durstig und ziemlich müde wieder an der Mondpyramide ankamen war erst einmal Zeit für eine Pause. Irgendwie hatte uns dann doch der Ehrgeiz gepackt und wir sind auch noch auf die große Sonnenpyramide gekraxelt. Der Ausblick auf die antike Stadt und die sie umgebende Landschaft war faszinierend. Nach dem nicht weniger beschwerlichen Abstieg hatten wir dann aber wirklich genug.

Am nächsten Tag stand Mexiko City auf dem Programm. Mit einem Spaziergang durch das historische Zentrum, der Besichtigung von Kathedrale und Regierungspalast sowie einer Stadtrundfahrt im offenen Doppeldeckerbus verschafften wir uns einen Überblick über die Stadt. Dann, am zweiten Tag, das Mammutprogramm. Das Nationalmuseum zur Anthropologie ist eines der bedeutendsten Museen weltweit – also ein absolutes Muss für Mexikoreisende. Die Kunstschätze, Völker und Kulturen Mexikos werden hier in einer großartigen und einmaligen Exposition präsentiert, aber so vielfältig und vor allem umfangreich wie Mexikos Kultur ist auch das Museum selbst. Nach 4 Stunden waren wir nicht mehr aufnahmefähig, ein weiterer Tag wäre erforderlich gewesen. Zur Ablenkung sind wir durch die Zona Rosa, dem eher kosmopolitischen Stadtteil, und die Colonia Condesa, mit ihren vielen Villen und Gebäuden im Art-deco- und im kalifornischen Kolonialstil, gebummelt.

Über Mexiko City könnte man noch so viel schreiben, was aber den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde. Es ist mir an diesem Punkt wichtiger, zu den vielen Klischees über diese Stadt Stellung zu nehmen. Mexiko City ist nicht der versmogte und schmutzige Moloch, der an seinem eigenen Wachstum zu ersticken droht, sondern eine moderne, saubere, recht sichere und gut organisierte Stadt mit unzähligen Parks, viel öffentlicher Kunst und sehr netten Menschen. Mexiko City kann sich gut mit europäischen Großstädten vergleichen, sieht man mal von den ärmlichen Stadtrandsiedlungen ab. Wir waren uns anfangs nicht sicher, ob wir die Hauptstadt auf unserer Reiseroute auslassen werden und sind heute sehr froh darüber, dass wir uns nicht von oberflächlichen und überzogenen Berichten beeinflussen ließen. Mexiko City ist immer wieder einen Besuch wert.

02.09.2010 – Über Puebla nach Oaxaca

Wieder einmal hatte die Besitzerin des Trailerparks in Teotihuacán wertvolle Tipps für uns, diesmal erklärte sie uns, wie wir, ohne die „Hoy No Circula“-Straßen benutzen zu müssen, ostwärts aus der Stadt kommen. Wir hatten an diesem Tag, auf Grund der Zahlenkombination unseres Nummernschildes, in und um Mexiko City herum Fahrverbot.

Problemlos erreichten wir Puebla und den im Vorort Cholula liegenden Trailerpark. Cholula ist eine der ältesten Städte Amerikas, sie war seit etwa 200 v. Chr. bis heute ununterbrochen bewohnt, und sie besitzt eine unsichtbare Attraktion - die an Volumen größte Pyramide der Welt. Sieben verschiedene Zivilisationen hinterließen hier ihre Spuren und doch ist von der Tepanapa-Pyramide, obwohl mitten in der Stadt gelegen, nicht viel zu sehen. Als die Spanier 1550 die erste Kapelle auf den Hügel setzten war die Pyramide schon komplett mit Erde bedeckt und mit Pflanzen überwuchert, sie ahnten nichts von der religiösen Stätte unter ihrer Kapelle. Die heutige Kirche Nuestra Señora de los Remedios, mit einer überaus prunkvollen, typisch mexikanisch-barocken Ausgestaltung, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Sie wurde gebaut, nachdem die frühere Kapelle durch ein Erdbeben zerstört wurde. Vom Platz vor der Kirche hat man einen schönen Blick zu den Vulkanen Iztaccihuatl und Popocatepetl.

Die Pyramide unter der Kirche wurde in den letzten Jahren an einigen Stellen freigelegt und rekonstruiert. Zur wissenschaftlichen Untersuchung durchörterte man den Hügel systematisch. Heute sind über 8000 Meter Tunnel vorhanden und teilweise auch für Besucher geöffnet.

Unser, als nächstes geplanter Spaziergang in der Altstadt von Cholula fiel dann sprichwörtlich ins Wasser. Innerhalb weniger Minuten verdunkelte sich der Himmel und es goss wie aus Eimern. Nach einem Dauerlauf erreichten wir, völlig durchnässt, unser Wohnmobil. Gut, dass Felix noch etwas besser in Form war als wir. Er war der Erste am Hobby und konnte noch rechtzeitig das Dachfenster schließen und so das Schlimmste verhindern. Nach einer heißen Dusche und einem Glas Tee fühlten wir uns wieder wohl. Während es draußen weiter regnete machten wir es uns im Hobby bequem und verbrachten den Abend beim gemeinsamen Kartenspiel.

Am nächsten Tag stand Puebla auf dem Programm. Mit dem Colectivo, einem öffentlichen Kleinbus, fuhren wir ins historische Zentrum des mexikanischen Wolfsburg. Die Stadt ist heute sehr stark vom VW-Werk geprägt, viele gut bezahlte Jobs, Steuereinnahmen und ein gewisser Wohlstand sind die positiven Auswirkungen.

In der historischen Innenstadt fühlten wir uns auf Anhieb wohl. Hier pulsiert das einfache Geschäftsleben Pueblas. In den liebevoll restaurierten Häusern befinden sich unzählige Restaurants und Läden, die nach alter Tradition in bestimmten Straßen die gleichen Waren anbieten. Wir laufen durch Straßen mit Schuhgeschäften, eines neben dem anderen, dann kommen Möbel und Eisenwaren. Dies hat den Vorteil, dass man ohne größere Wege die Waren vergleichen und günstig kaufen kann.

Beeindruckt hat uns die Kathedrale am Zocalo. Sie ist, nach der in Mexiko City, die zweitgrößte Kathedrale in Mexiko – aber innen fast noch harmonischer und wertvoller ausgestattet. Ihre, zwei 70 Meter hohen Glockentürme sind die höchsten des Landes. Mit einem schönen Blick auf Kathedrale und Zocalo haben wir dann auf dem Balkon eines Restaurants gesessen und das quirlige Leben beobachtet. Schuhputzer boten ihre Dienste an, Blumen- und Luftballonverkäufer warben um Kunden, Geschäftsleute eilten zu ihrem nächsten Termin und die Schulkinder, in ihren einheitlichen Uniformen, neckten sich gegenseitig auf dem Heimweg.

Die Rückfahrt im Bus nach Cholula war wieder ein Erlebnis. Ohne Rücksicht raste der Fahrer durch Löcher und über Topes, alles klapperte und wir wunderten uns, dass die alten Mercedes-Busse nach diesen jahrelangen Torturen überhaupt noch fuhren und nicht schon lange auseinander gebrochen sind. Auf dem Trailerpark in Cholula gab es dann noch eine Überraschung, die Schweizer Maja und Hans, die wir in Guanajuato kennen gelernt hatten, standen mit ihrem Allrad-Mercedes neben uns. Bei einigen Bieren haben wir Erfahrungen und Pläne ausgetauscht und einen netten gemeinsamen Abend verbracht.

Am nächsten Vormittag starteten wir nach Oaxaca. Die Fahrt, für einen Tag geplant, dauerte dann doppelt so lange, weil sich die Straße in einem katastrophalen Zustand befand. An vielen Stellen war sie weggebrochen oder vom abgerutschten Hang teilweise verschüttet. An einer Stelle prasselte direkt vor uns eine Steinlawine auf die Straße. Was wäre mit unserem Auto passiert, wenn wir hundert Meter weiter gewesen wären? Wir mussten erst die größten Steine wegräumen, ehe wir vorsichtig die Stelle passieren konnten. Für die Mexikaner ist dieser Zustand normal, es ist Regenzeit, da passiert so etwas eben.

In Oaxaca angekommen erlebten wir die schlechtesten Straßen unserer bisherigen Reise in einer Stadt. Tiefe Löcher reihten sich aneinander und brachten unseren Hobby, selbst bei Schrittgeschwindigkeit, so stark zum Schaukeln, dass in den Schränken alles durcheinander fiel. Die Stadt selbst hat uns enttäuscht, sie hatte einfach keine Atmosphäre. Vielleicht haben wir aber auch schon so viel Schönes gesehen, dass sich unsere Maßstäbe verschoben haben. Erwähnenswert sind die exotischen Delikatessen, wie getrocknete Grillen und geröstete Heuschrecken, für die Oaxaca berühmt ist. Sie wurden überall auf dem Markt angeboten, für Felix und mich war das Kosten der Heuschrecken eher Spaß und Mutprobe als kulinarischer Genuss.

Da war die Verkostung in Matatlan doch eher nach unserem Geschmack. In der traditionellen Mezcal-Brennerei wurde alles noch so gemacht, wie vor hunderten von Jahren. Die gekochten Agaven-Piñas, also nur die inneren Teile der Agaven, wurden durch einen Malstein, angetrieben von einer Pferdestärke, zerkleinert, vergoren und dann über einem Holzfeuer destilliert. Es sah nicht ganz so appetitlich aus – aber das Ergebnis zählte, und das haben wir in der kleinen Verkaufsstelle ausgiebig probiert und gekauft. Auch die Flasche mit dem Agavenwurm, eigentlich nur ein Marketinggag, durfte nicht fehlen. Zur Weiterfahrt war es nun schon zu spät, und so blieben wir gleich vor der kleinen Mezcal-Manufaktur stehen, fachsimpelten mit Händen und Füßen über Mezcal und deren Herstellung und kosteten uns so langsam in Schlafstimmung. Jetzt kennen wir auch den Unterschied zwischen Mezcal und Tequila. Jeder Agavenschnaps ist ein Mezcal, einzig der in der Gegend um Tequila aus blauen Agaven hergestellte Schnaps darf sich exklusiv Tequila nennen.

Monte Albán, die größte und schönste Zapoteken-Stätte, liegt nur 10 Kilometer westlich von Oaxaca, auf einem abgetragenen und planierten Bergrücken, in 1936 Meter Höhe. Wir fuhren auf der steilen und kurvenreichen Straße zum Haupteingang und waren fast die ersten Besucher. Von der nördlichen Plattform hatten wir den besten Überblick über die Gran Plaza mit den darum gruppierten Pyramiden und Komplexen. Hinter den, bis zu 2000 Jahre alten Bauten sahen wir die umliegende Landschaft, Täler und Berge, wie eine Theaterkulisse. Dadurch schien es, als würde die gewaltige Anlage zwischen Himmel und Erde schweben. Es ist ein wahrlich erhabener Ort und wir konnten uns gut vorstellen, wie nah man sich hier seinen Göttern und dem Himmel gefühlt haben muss. Unbegreiflich, warum auch Monte Albán im Jahre 750 von den Zapoteken verlassen wurde. Ein Rätsel, auf das es bis heute keine Antwort gibt.

07.09.2010 – Pazifikküste und Chiapas

Sie war weder erholsam noch interessant, die Fahrt von Oaxaca zum Pazifik. Die Straße war in einem schlechten Zustand, oft verschüttet oder weggebrochen, und dazu Nebel und Regen. Wir quälten uns durch die Sierra Madre del Sur, bewältigten zweimal einen Höhenunterschied von 1500 Metern und fuhren dann, auf kurvenreicher Strecke, am Westhang des Gebirges, von fast 3000 Meter Höhe, zur Küste. Dabei durchquerten wir mehrere Klimazonen und einen tropischen Regenwald, der seinen Namen alle Ehre machte – Regen ohne Ende.

Wir hatten schon fast vergessen, wie sich die feucht-warme Luft an der Küste anfühlt und wurden schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt, als wir spätabends in Zipolite die Tür unseres klimatisierten Wohnmobils öffneten und gegen eine Wand aus Wärme und Feuchtigkeit prallten. Moskitos umschwirrten uns und nutzten jede Gelegenheit, um ins Wohnmobil zu gelangen. „Das ist also die schöne Pazifikküste“ – Felix war anfangs etwas enttäuscht.

Am nächsten Morgen sah schon alles ganz anders aus. An die feuchte Wärme hatten wir uns recht schnell gewöhnt und das urige Zipolite ließ uns die letzte Nacht, in der wir unser Wohnmobil mit blutrünstigen Moskitos geteilt haben, schnell vergessen. Die Küste ist hier wirklich wunderschön.

Nur 50 Kilometer weiter südlich liegt Bahía de Huatulco, das ehrgeizige Tourismusprojekt der mexikanischen Regierung - ein völliges Kontrastprogramm zu Zipolite. Hier war alles neu, sauber – und teuer. Zwei Tage genossen wir die Annehmlichkeiten an der Bucht von Santa Cruz, dann mussten wir weiterfahren. Unser Zeitplan ließ uns wenig Spielraum.

Recht weit kamen wir aber nicht, nach 20 Kilometern auf der Mex 200 stauten sich die LKW. Die Fahrer schliefen unter ihren Autos oder saßen zusammen beim Frühstück. Etwa 3 Kilometer liefen wir am Stau entlang, bis wir die Ursache sahen. Das kleine Straßendorf Copalita hatte die einzige Verbindungsstraße nach Süden verbarrikadiert und hielt eine Protestdemonstration ab. Die Dorfbewohner saßen mit Campingstühlen auf der Straße und diskutierten impulsiv. Ihre Gesichter zeigten Trotz und Entschlossenheit. Zurück am Wohnmobil gab es für uns nur eine Alternative – wenden und zurück an der Strand. Mit unserem Hobby war das Wenden auf der schmalen Straße kein Problem, die Trucks aber hatten diese Möglichkeit nicht, sie mussten abwarten.

Am nächsten Morgen, das gleiche Bild. Der Stau war sogar noch länger geworden. Es gab an der letzten Kreuzung keine Warnung der Polizei, so dass weitere Trucks in die Falle gefahren sind. An der Straßensperre ging es diesmal lockerer zu, es wurde gekocht und gegrillt, die Fahrer ließen sich von den Frauen versorgen und alles wirkte wie auf einem Dorffest – nur die Sperre blieb zu. „Vielleicht morgen“ antwortete man auf unsere Frage, wann wir durchfahren könnten. Die Gelassenheit der Fahrer, die nun schon den 3. Tag hier ausharren mussten, war bewundernswert. Es schien, als ob sie sich mit den Dorfbewohnern solidarisierten, zumindest hatten sie Verständnis für die Situation. „Also noch mal Strand“ sagte Felix etwas frustriert, „unser Zeitplan kommt aber mächtig durcheinander“. Der nächste Tag sollte die Entscheidung bringen.

Nach unserem morgendlichen Bad im Pazifik und einem guten Frühstück starteten wir einen neuen Versuch – und fanden die Situation unverändert vor. „Heute muss etwas passieren“, sagte ich sichtlich gereizt, „dann müssen wir eben doch über Oaxaca zurückfahren“. Es wäre die schlechteste Lösung gewesen, 400 Kilometer Umweg auf katastrophalen Straßen, um dann dort anzukommen, wo wir vor einer Woche schon waren. Ein junges Paar in einem Dodge-Van sprach uns an. Sie kannten eine Umfahrung über die Berge, wollten aber nicht allein fahren. Wir willigten ein und begaben uns auf eine 60 Kilometer lange abenteuerliche Fahrt. Geröll, Schlamm, Wasser – es war alles dabei, und nach 7 Stunden waren wir erschöpft, aber glücklich, wieder auf der Mex 200. Unser Hobby hat sich auf der Strecke gut bewährt, ohne Hinterradantrieb hätten wir es aber sicher nicht geschafft.

Mit 3 Tagen Verzug war unsere ursprüngliche Reiseplanung nicht mehr zu realisieren. Die geplante Route nach Palenque und die Einreise im Norden von Guatemala, um Tikal zu besuchen, mussten wir nun radikal ändern. San Cristóbal de Las Casas und das Tzotzildorf San Juan Chamula vermittelten Felix noch einen kleinen Eindruck von Chiapas und den Bräuchen der hier lebenden Indigenas, und dann fuhren wir ohne Umwege zur Grenze.

14.09.2010 – Hasta luego Mexico

Auf der Fahrt durch das grüne Hochland Chiapas bis zur Grenze erzählten wir viel von der zurückliegenden Zeit in Mexiko. Nahezu 6 Monate haben wir in Mexiko verbracht, 15.000 Kilometer auf Straßen unterschiedlichsten Zustandes zurückgelegt und das Land, seine Menschen und die vielfältige Kultur kennen gelernt. Aus dem anfänglichen Kulturschock ist eine tiefe Verbundenheit und Zuneigung geworden.

Mexiko ist ein Land der Gegensätze! Verfallene und schmutzige Dörfer stehen im Kontrast zu prunkvollen Kolonialstädten, vermüllte Natur zu absoluter Sauberkeit, Schlaglochpisten zu modernen Highways und bittere Armut zu verschwenderischem Reichtum. Besonders bei den armen Menschen haben wir die Lebensfreude und die Kraft, sich jeden Tag irgendwie durchzuschlagen, bewundert. Dabei sind die Mexikaner sehr einfallsreich. Überall wurde irgendetwas verkauft und an fast jeder Ecke gab es einen primitiven Straßenimbiss. Auch als Einweiser auf dem Parkplatz oder mit dem Verfüllen von Schlaglöchern auf den Straßen erhofften sich manche eine kleine Spende. Mit großer Gelassenheit wird das Wohlstandsgefälle zwischen Reichen und Armen akzeptiert. Man nimmt es als gegeben hin und findet Halt in der Familie und im Glauben.

Unvergesslich bleiben uns die herrlichen Landschaften, die traumhaften Strände, die einzigartigen Zeugnisse der Kolonialzeit und die großartige vorspanische Kultur der Maya, Azteken, Tolteken und Zapoteken. Darüber hinaus beeindruckten uns immer wieder die Herzlichkeit, die Gastfreundschaft und der Nationalstolz der Mexikaner.

Mexiko ist ein tolles Reiseland und deshalb sagen wir nicht „Adios“ sondern „Hasta luego Mexico“ – wir kommen gern wieder!


16.09.2010 – Guatemala: Lago de Atitlán und Antigua

An der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala ging nichts mehr. Eine lange Autoschlange stand vor dem geschlossenen Schlagbaum - und wir standen mittendrin. Der Grund für die kurzzeitig geschlossene Grenze war aber eher ein positiver. Musik- und Tanzgruppen aus Mexiko und Guatemala demonstrierten ihre Freundschaft und verwandelten den sonst eher nüchternen Grenzübergang in einen Ort der Lebensfreude und Verbundenheit. In Guatemala wurde der Unabhängigkeitstag gefeiert. Nach einer Stunde war die Show vorbei und wir konnten ohne Probleme die Grenze passieren.

Guatemala begrüßte uns mit aufwändig, in blau-weiß geschmückten Straßen und einer Fiesta in jedem kleinen Straßendorf. Am frühen Nachmittag torkelten die ersten Betrunkenen über die Straßen und veranlassten uns zu einer extrem vorsichtigen Fahrweise. Im Hochland dann ein anderes Bild. Hier, in der von Indigenas geprägten Gegend, wurde nicht gefeiert, hier war der normale Alltag gegenwärtig. Viele Indigenas waren zu Fuß unterwegs. Sie trugen Körbe auf dem Kopf und ihre Kleinkinder in Wickeltüchern auf dem Rücken. Die knapp vorbeifahrenden Autos beeindruckten sie genau so wenig, wie der später einsetzende starke Regen. Für uns war es eine schwierige Fahrt, weil der Regen und der starke Nebel die an vielen Stellen weggebrochene oder verschüttete Straße noch gefährlicher machten.

Die letzte Herausforderung an diesem stressigen Tag war die Fahrt über eine gefährliche, an den Hang gebaute Serpentinenstraße zum 500 Meter tiefer liegenden Atitlan-See. Hier hatte, die seit vielen Jahren schlimmste Regenzeit die Straße komplett weggespült. Auf einem schlammigen, in den Berg geschürften Pfad passierten wir diese Stelle mit Herzklopfen. Gegen 21:00 Uhr hatten wir es dann geschafft, wir standen am Hotel Tzanjuyú, direkt am See, und ließen uns eine frisch gebackene Pizza schmecken – natürlich aus dem bordeigenen Backofen.


Am nächsten Morgen wurden wir von Sonnenstrahlen geweckt. Der See lag still im Morgendunst, am gegenüber liegenden Ufer sahen wir die Vulkane Atitlán, Tolimán, San Pedro sowie den kleinen Cerro de Oro. Es war ein erhebender Anblick und wir konnten jetzt auch verstehen, dass Alexander von Humboldt den Atitlán-See als den schönsten See der Welt bezeichnete.

Panajachel selbst ist ein recht touristisch geprägter Ort mit allem, was man für einige Urlaubstage braucht. Wir blieben 3 Tage hier, wanderten ein bisschen und besuchten das auf der anderen Seeseite gelegene San Pedro. So schön und idyllisch der See auch vom Ufer aus wirkte, bei der Bootsfahrt haben wir sein Problem sehr deutlich erkannt: der Atitlan-See ist verdreckt. Plastikflaschen und andere Abfälle schwammen in großer Menge auf der Oberfläche und prasselten während der Fahrt gegen den Bootsrumpf. Selbst leere Ölkanister schwammen im See und hinterließen eine entsprechende Spur im Wasser. Wann werden die Menschen in diesem Teil der Welt endlich begreifen, dass sie damit ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder ruinieren.

Von Panajachel aus starteten wir in Richtung Antigua. Noch einmal mussten wir die kritische Stelle an der Serpentinenstraße passieren, aber diesmal wenigstens bei Tageslicht. Einige Arbeiter waren mit dem Bau einer provisorischen Brücke beschäftigt – sie hielt! In Antigua fuhren wir direkt zu dem unter Travellern bekannten Stellplatz auf dem Gelände der Touristenpolizei. Er lag nicht gerade idyllisch, aber die Nähe zum Zentrum und vor allem die Sicherheit auf dem Gelände waren hier wichtiger.

Antigua wird allgemein als die reizvollste Stadt Guatemalas bezeichnet. Sie hat sich ihren kolonialen Charme erhalten, hat Ambiente. Über 200 Jahre lang war Antigua die Hauptstadt Guatemalas, mehr als 50 prunkvolle Kirchen, Klöster und Konvente wurden in kürzester Zeit errichtet und machten Antigua zur schönsten Hauptstadt der „Neuen Welt“. Das verheerende Erdbeben vom 29. Juli 1773 verwandelte die Stadt innerhalb weniger Minuten in einen Trümmerhaufen. An den noch vorhandenen Ruinen konnten wir die ehemalige Schönheit der Architektur erkennen. Abends, als die spärliche Straßenbeleuchtung die holprig gepflasterten Straßen ins Halbdunkel tauchte, die urigen kerzenbeleuchteten Kneipen und Bars einladend ihre Türen und Fenster geöffnet hatten und den Blick auf die grob gezimmerten mittelalterlichen Tische und Stühle freigaben, da verstanden wir, dass wir hier in einer ganz besonderen Stadt waren.

„In Antigua kann man es schon noch etwas aushalten“. Dieser so leichtfertig gesagte Satz brachte uns in die Realität zurück. Wir, Petra und Bernd, wollten noch einige Zeit in Antigua bleiben und auch etwas Spanisch lernen, für Felix war der Tag des Abschiedes gekommen. Pünktlich stand das Taxi zum Aeropuerto am Wohnmobil, eine schöne gemeinsame Zeit ging zu Ende.


Samstag, 2. Oktober 2010

27.07.2010 – 27.08.2010: Zentrales Hochland – Silberreichtum und koloniales Erbe


28.07.2010 – Die Silberstadt Taxco


Die Straße von Acapulco nach Taxco, dem ersten Ziel auf unserer Fahrt durch das zentrale mexikanische Hochland, steigt gleich nach der Küste stark an. Wir überquerten die Sierra Madre del Sur, eine über 1000 km lange Gebirgskette, die sich entlang der Pazifikküste im Süden Mexikos erstreckt. Hier, wie auch im zentralen Hochland, herrschen das ganze Jahr über angenehme klimatische Bedingungen. Die feuchte Hitze der Küste lag erst einmal hinter uns.


Nach einer angenehmen Fahrt erreichten wir Taxco. Statt kurz vor der Stadt zu übernachten machten wir den Fehler und sind noch am gleichen Abend in die Stadt gefahren. Es gibt nur eine Durchgangsstrasse, die von einem Auto unserer Größe befahren werden kann. Der Ort selbst schmiegt sich an den Hang des El-Atache-Berges und hat solch enge und steile Straßen, dass gerade mal Mopeds oder kleine Autos durchkommen. Im Ort gab es für unser Wohnmobil keine Parkmöglichkeit und nach einer nervenaufreibenden Stopp and Go-Fahrt hatten wir es nach einer Stunde geschafft – wir standen am anderen Ende der Stadt, aber immer noch ohne Park- oder Übernachtungsmöglichkeit. Mittlerweile war es schon dunkle Nacht.


In der nächsten Ortschaft fanden wir dann einen kleinen Lebensmittelladen, vor dem wir die Nacht verbringen durften. Am Morgen wurden wir schon vor 06:00 Uhr vom lauten Verkehr auf der Straße geweckt. Knapp zwei Stunden später starteten wir den 2. Versuch, eine Parkmöglichkeit in Taxco zu finden. Ein etwas ungutes Gefühl hatten wir schon, als wir unseren Hobby an der noch geschlossenen Tourist-Info, quer über die einzigen 3 PKW-Parkplätze, abstellten und mit einem Käfer-Taxi zum Zocalo fuhren. Erst auf dieser abenteuerlichen Fahrt durch die verwinkelten Gassen der Altstadt wurde uns bewusst, dass wir auch mit einem normalen PKW kaum durch die Stadt gekommen wären. Die Straßen sind so schmal, dass gerade ein Auto fahren kann – aber es gibt Gegenverkehr. Der Taxifahrer kannte genau die Stellen, an denen er vor der Kurve hupen musste und wo die wenigen Ausweichmöglichkeiten sind. An manchen spitzen Kurven musste er mehrmals zurückstoßen, um überhaupt weiter zu kommen. In dieser Stadt, mit ihren steilen kopfsteingepflasterten Gassen, ist der heckgetriebene VW-Käfer das einzig vernünftige Fahrzeug. Wir sahen auch kein anderes Taxi in Taxco.


Am Zocalo angekommen standen wir staunend vor dem Wahrzeichen der Stadt, der Kirche Santa Prisca. Erbaut aus rötlichem Sandstein, mit üppig verzierter Fassade und Glockentürmen, ist sie ein Meisterwerk kolonialer Kirchenbaukunst im Churriguera-Stil, eine Art hispanisches Rokoko. Die Kirche wurde von dem französischen Einwanderer und in Taxco zu großem Reichtum gekommenen Silberbaron Don José de la Borda finanziert und der Stadt zum Geschenk gemacht.


Auch im Inneren ist die Kirche verschwenderisch ausgestattet. Zwölf geschnitzte und goldüberzogene Altäre zu beiden Seiten des Hauptschiffes, prachtvolle Gemälde und der vergoldete Hauptaltar zeugen vom damaligen Reichtum dieser Stadt und ihrer Minenbesitzer.


Nach der Besichtigung der Kirche ließen wir uns durch das enge Gewirr der Straßen treiben. Die Stadt steht komplett unter Denkmalschutz, sie kam uns vor wie ein großes Museum. Neben den prächtigen Kolonialbauten wie der Casa Borda, das Wohnhaus des Kirchenstifters, der Casa Figuera oder der Casa Humboldt, in dem der deutsche Forscher Alexander von Humboldt einige Zeit wohnte, waren es auch die weniger spektakulären Details, die Taxco so attraktiv machen.


Da sind die schönen Kachelfassaden, die schattigen Patios und Innenhöfe, die kunstvollen Schmiedearbeiten sowie die vielen Läden und Gaststätten, die sich in den ineinander verschachtelten Häusern verstecken und manchmal erst auf den zweiten Blick zu erkennen waren.


Nach der interessanten, aber auch anstrengenden Besichtigung dieser faszinierenden Silberstadt fuhren wir im Käfer-Taxi zurück zur Tourist-Info. Unser Hobby stand noch völlig unbeschadet da, die netten Mitarbeiter der Information hatten ein wachsames Auge auf unser Wohnmobil.


02.08.2010 – Valle de Bravo


Von Taxco fuhren wir auf der Mex 55 in Richtung Toluca, als uns ein Schild mit der Aufschrift „Mirador“ (Aussichtspunkt) neugierig machte. Wir bogen von der Straße ab und standen kurz darauf am Rande eines Canons, der in keinem Reiseführer beschrieben ist.


Es war ein großartiger Ausblick! Die steilen Felswände verloren sich in der Ferne in bewaldete Abhänge und ganz tief unten war als braunes Band der Fluss zu erkennen, der diese Landschaft in Millionen Jahren geschaffen hatte. Wir waren uns schnell einig, dass wir an diesem schönen Ort übernachten wollten. Am nächsten Morgen war die Schlucht mit Frühnebel ausgefüllt, der sich mit der aufgehenden Sonne auflöste und den Blick auf den gemächlich dahin fließenden Fluss freigab.


Zwei Rancheros kamen aus dem benachbarten Haus um uns zu begrüßen. Obwohl sie hier wohnten zeigten sie sich ebenso beeindruckt von dem einmaligen Panorama wie wir.


Erst gegen Mittag fuhren wir weiter. Über Toluca, vorbei an dem 4632 m hohen Vulkan Nevado de Toluca, erreichten wir Valle de Bravo; eine kleine Kolonialstadt am Stausee Avandaro gelegen.


Valle de Bravo ist, besonders bei den Hauptstädtern, ein beliebtes Nahreiseziel und vor allem an diesem Wochenende schien die Stadt aus allen Nähten zu platzen. Die Altstadt war mit Autos verstopft, einige Straßen waren für Veranstaltungen gesperrt und unzählige Menschen bummelten durch die engen Gassen.


Wir hatten uns wieder mal den richtigen Tag ausgesucht – es war Sonntagnachmittag, als wir uns inmitten einer Autokolonne durch die Stadt quälten. Trotz der engen Straßen gab es kein Parkverbot am Straßenrand. Was halfen uns in dieser Situation die sicher gut gemeinten Warnungen einiger Passanten, dass die weiteren Straßen für unser Wohnmobil zu eng wären. Wir konnten weder anhalten noch umkehren – wir mussten durch. Zweimal ist Petra ausgestiegen, um mich an ganz engen Stellen einzuweisen, und dann hatten wir es endlich geschafft.


Wir waren glücklich, als wir auf dem schön gelegenen Campingplatz am südlichen Seeufer unseren Hobby eingeparkt hatte. Der lustige Campingplatzbesitzer hatte dann noch einen ganz tollen Gag für uns – er fragte, warum wir nicht die Umgehungsstraße um die Stadt gefahren sind. Die Antwort wusste nur unser Navigationssystem! Nun gut, jetzt kennen wir wenigstens Valle de Bravo von unserer Stadtrundfahrt.


Entschädigt wurden wir von dem herrlich gelegenen Bergsee. Umgeben von Wäldern und kleinen Dörfern erinnerte er uns an die oberitalienischen Seen. Seine schöne Lage, die saubere Luft und das angenehme Klima in 2500 m Höhe hatte, neben den vielen Tages- und Wochenendtouristen, auch einige Superreiche angezogen, die sich am Seeufer exklusive Ferienhäuser bauen ließen. Die meisten dieser Villen liegen versteckt hinter hohen Mauern und sind nur von der Seeseite aus zu sehen.


Bei meinem Morgenspaziergang mit Basko kam ich mit Antonio, einem Unternehmer aus San Miguel de Allende, ins Gespräch. Ganz spontan lud er uns zu einer Rundfahrt auf dem See ein. Vorbei an Valle de Bravo und an den umliegenden Villen umrundeten wir den See und sahen so auch den unbebauten und naturbelassenen Teil des Sees mit sanften Uferlandschaften, Wasserfällen und den Brutplätzen verschiedener Wasservögel.


Bei Antonio hatten wir wieder einmal die typische mexikanische Gastfreundschaft kennen gelernt. Den Nachmittag verbrachten wir noch gemeinsam, bis Antonio seine Familie zum Aufbruch drängte. Er musste sich um seine Geschäfte kümmern und wir verbrachten noch drei erholsame Tage am See.


05. – 12.08.2010 – Prachtvolle Kolonialstädte


Nach der kurzen Erholungspause in Valle de Bravo begaben wir uns auf Besichtigungstour einiger Kolonialstädte im Umland von Mexiko City: Morelia, Guanajuato und Zacatecas standen auf unserem Programm. Diese drei Städte gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe, und sie repräsentieren in gleicher Weise den überschwänglichen spanischen Baustil, gepaart mit dem handwerklichen Geschick der Indios. Prunkvolle Kirchen, herrliche Paläste und Stadthäuser, deren Einzigartigkeit man erst erkennt, wenn man einen Blick in den schattigen Innenhof mit Springbrunnen und offener Galerie werfen kann, gibt es in allen drei Städten zur Genüge. Und trotzdem hat jede dieser Städte ihren eigenen Charakter und eine touristische Besonderheit.


Morelia empfing uns mit aristokratischer Nüchternheit. Die Kolonialbauten im historischen Zentrum bestehen aus unverputztem Naturstein und geben der Stadt einen etwas kühlen Charakter. Die, aus rotbraunem Trachyt erbaute Kathedrale unterstreicht mit ihren klaren Linien diesen Stadtcharakter. Im Inneren steht eine monumentale Orgel des deutschen Orgelbauers Walcker aus Ludwigsburg.


Beeindruckt haben uns das Palacio Clavijero in der Bauweise der Jesuiten, heute ein Museum für moderne mexikanische Kunst, und das Colegio de San Nicolás de Hidalgo, die zweitälteste Jesuitenschule Lateinamerikas. Das historische Gebäude wird heute von der Universität genutzt.


Bei unserem Stadtspaziergang waren die Hinweise auf die touristische Topattraktion der Umgebung nicht zu übersehen. Ca. 60 km östlich der Stadt liegt das Überwinterungsgebiet der Monarch-Schmetterlinge, der extremsten Wanderschmetterlinge der Welt. Ab Mitte November treffen mehrere Millionen dieser Schmetterlinge, aus Kanada und den USA kommend, hier ein, nachdem sie eine Strecke von über 3000 km zurückgelegt haben. Leider waren wir für dieses einmalige Schauspiel zur falschen Zeit in Morelia – so ging es ohne Umwege weiter nach Guanajuato.


Schon weit vor der Stadt wurden wir von Touristenschleppern angehalten, die uns mit Angeboten für Hotels und Gaststätten überschütteten, uns vor der Weiterfahrt in die Stadt warnten und ihre Dienste als Guides anboten. Ganz nutzlos wäre eine solche Hilfe nicht gewesen, denn in Guanajuato gibt es eine Besonderheit. Eingezwängt in ein ausgetrocknetes Flusstal und zwischen den umliegenden Bergen konnte man die Verkehrsprobleme nur dadurch lösen, dass viele Straßen als Tunnel unter der Stadt verlaufen. Die Fahrt durch dieses Tunnelgewirr ist atemberaubend, erst Recht mit einem Wohnmobil. Unser Reiseführer schrieb dazu: „Die Tunnel sind alle miteinander verbunden und verschlungen, wie die Gedärme im Bauch. Eine Fahrt mit dem Auto durch Guanajuato gleicht einer Geister- und Achterbahnfahrt“.


Teilweise wurden alte Silberminen zu Straßentunneln ausgebaut, die an der Seite nur eine Höhe von 2,50 m haben und miserabel beschildert sind. Wir sind durch alle Tunnel in der Mitte, also auf zwei Spuren, gefahren, um nicht mit den herausragenden Steinen an der seitlichen Tunneldecke zu kollidieren. Es war wirklich aufregend und ich hätte jeden Umweg in Kauf genommen, nur um nicht noch einmal durch dieses Labyrinth fahren zu müssen. Das letzte Stück bis zum Trailerpark kürzten wir ab und fuhren eine Einbahnstraße in falscher Richtung. Die entgegenkommenden Autos hielten am Berg an um uns die Durchfahrt zu ermöglichen, die Fahrer winkten uns freundlich zu. Wie wäre es uns in dieser Situation in Deutschland ergangen?


Das historische Zentrum der Stadt war vom Trailerpark aus recht gut zu Fuß erreichbar. Jetzt hatten die chaotischen Straßentunnel auch wieder einen Vorteil, denn man konnte sie auch als Fußgänger benutzen. Manche Abkürzung war damit möglich. Guanajuato besitzt kein geordnetes Straßenmuster, wie sonst die meisten Kolonialstädte. Man kann sich aber kaum verlaufen, weil die Attraktionen der Stadt, wie die Universität, die Basilika oder das Theater Juárez, als Orientierung dienen. So ließen wir uns, völlig ohne Stadtplan, durch die engen kopfsteingepflasterten Gassen treiben; entdeckten immer wieder kleine Plätze mit Springbrunnen oder versteckte Cafes. Manche Gassen sind so schmal, dass sich die Bewohner der gegenüberliegenden Häuser küssen können, wenn sie sich aus dem Fenster lehnen. Sehenswert sind auch die verschachtelten Häuser, die auf Fels- oder Torbögen über den Straßen stehen und deren überhängende Balkone frei über den Straßenschluchten schweben.


Vom Papila-Monument, hoch über den Dächern der Stadt, hatten wir den besten Ausblick auf die Kirchen und Paläste, aber auch auf die farbenprächtigen Häuser, die den Charakter dieser Stadt prägen.


Das ungewöhnlichste in Guanajuato, und gleichzeitig die Touristenattraktion schlechthin, ist die bizarre Mumiengalerie. Als 1865 auf dem Friedhof alte Gräber wiederverwendet werden sollten, machte man die Entdeckung, dass die alten Leichen nicht verwest, sondern durch die trockene und mineralsalzhaltige Erde gut konserviert waren. Die Mexikaner haben einen ganz eigenen Umgang mit dem Tod und so stellten sie die Mumien in einem Museum aus. Diese makabre Ausstellung wird jedes Jahr von tausenden ausländischen Touristen, aber vor allem von Familien aus ganz Mexiko besucht. Wir waren schon etwas irritiert über die ausgestellten Mumien mit Haaren, Kleidung und teilweise furchterregenden Gesichtsausdrücken. Die Mexikaner sahen das wohl anders, sie waren sogar mit kleinen Kindern in der Ausstellung und posierten fürs Familienalbum.


Wir fuhren weiter nach Zacatecas. Petra hatte langsam keine Lust mehr auf die alten Städte, aber ich konnte mich mit dem Versprechen durchsetzen, dass es erst einmal die letzte Stadtbesichtigung sei. Ebenso wie Taxco und Guanajuato verdankt auch Zacatecas ihren Reichtum den Silberminen. Über 200 Jahre lang wurde in Mexiko fast die Hälfte der Weltsilberproduktion gefördert. Eine der ergiebigsten Minen war die legendäre Mine El Eden, aus der seit 1583 unglaubliche Mengen Silber, aber auch Eisen, Zink, Blei und Gold gefördert wurden. Heute ist El Eden eine Besuchermine, in der auch dargestellt ist, welchen Preis die einheimischen Arbeitssklaven für den Silberreichtum bezahlen mussten. Unter grauenhaften Bedingungen wurden die Indigenas, darunter auch viele Kinder, zur Arbeit in den Minen gezwungen, um die märchenhaften Schätze für die spanische Krone und einige wenige Silberbarone zu gewinnen.


Die Stadt wuchs schnell und zeigte hemmungslos ihren Reichtum. Am Besten ist dies an der Kathedrale zu erkennen. Sie besitzt eine, in ornamentalen Dekor geradezu explodierende Fassade und stellt damit den absoluten Höhepunkt des mexikanischen Churriguerismus dar. Die Fülle an Ornamenten, Blumen und Ranken, zwischen den Apostelfiguren und den 16 Säulen, ist kaum mehr zu überbieten und zeugt von der meisterhaften indianischen Steinmetzkunst.


Auch Zacatecas hat einen Hausberg, den 2700 m hohen Cerro de la Bufa. Mit der Seilbahn ging es schnell nach oben, von wo wir einen tollen Panoramablick auf die, zwischen kahlen Bergen eingezwängte Stadt mit ihren alles überragenden Kirchen, ihren krummen Gässchen und den verschachtelten Häusern hatten. Von hier oben sah man die Probleme der Stadt nicht – nur ganz leise drangen die Sprechchöre der Minenarbeiter, die vor dem Gouverneurspalast demonstrierten und auf ihre unzureichenden Lebens- und Arbeitsbedingungen aufmerksam machten, bis hier hinauf. Zacatecas ist heute eine moderne Stadt mit Industrie- und Forschungseinrichtungen am Stadtrand, manche Probleme sind aber so alt wie die Stadt selbst und bis heute nicht grundsätzlich gelöst.


Nach den drei eindrucksvollen Kolonialstädten sehnten wir uns nach etwas Ruhe in der Natur – ich hatte es Petra ja auch versprochen.


14.08.2010 – Nationalpark Sierra de Organos


Der Tipp von dem Schweizer Paar Maja und Hans kam uns gerade recht. Nach unserer Tour durch Mexikos reiche Silber- und Kolonialstädte freuten wir uns auf den Nationalpark Sierra de Organos. Erst im Jahr 2000 wurde das nur 11 km² große Areal zum Nationalpark erklärt. Berühmt war es schon viel früher. Die atemberaubende Landschaft aus Wüste, Steppe, zerklüfteten Felsen und den einmaligen orgelpfeifenähnlichen Gesteinsformationen war die ideale Kulisse für Hunderte von Westernfilmen, viele davon mit John Wayne. Wir waren fasziniert von der Landschaft, die zu jeder Tageszeit und den sich ändernden Lichtverhältnissen anders wirkte. Den ersten Tag waren wir ganz allein im Nationalpark. Während unserer Wanderung zwischen den aufragenden Felsen beobachteten wir viele Adler und Geier, wir erlebten absolute Ruhe – es war Natur pur.


Am Wochenende kamen mehrere mexikanische Familien, bepackt mit allem, was für ein deftiges Picknick gebraucht wird. Wir hatten uns am Abend schon einige Zeit in unser Wohnmobil zurückgezogen, Petra lag schon im Bett, als es gegen 23:00 Uhr an unsere Tür klopfte. Coster und seine Frau wollten uns zum Essen einladen. Etwas enttäuscht waren sie schon, als wir, unter Hinweis auf die späte Stunde, freundlich ablehnten – sie erneuerten ihre Einladung aber sofort für den nächsten Tag.


Nach unserer kleinen Morgenwanderung sahen wir Coster schon von weitem an unserem Wohnmobil warten – jetzt konnten wir nicht mehr ablehnen. Er, und die ganze Großfamilie, freuten sich, uns mit allen erdenklichen mexikanischen Speisen und Getränken zu bewirten. Wir mussten von unserer Reise, unserer Familie und von Deutschland erzählen und Coster berichtete vom mexikanischen Zusammenleben. Jedes Wochenende trifft sich die Familie mit Freunden und verbringt einen gemeinsamen Tag, oftmals auch auf den schönen Picknickplätzen der Umgebung oder im Nationalpark. Dieser Familienzusammenhalt hat auch einen ganz praktischen Nutzen. Man hilft sich gegenseitig bei den vielen Alltagsproblemen und ist somit kaum auf Handwerker oder Dienstleister angewiesen.


An den gemeinsamen Wochenenden wird vor allem gegessen. Es ist unglaublich, welche Mengen an Suppe, Tacos, Tamales, gefüllte Tortillas, Tostades und Fleisch auf dem Tisch stehen. Dazu die allgegenwärtige Guacamole und natürlich darf weder Bier noch Tequila fehlen. Nach unserem Höflichkeitsfrühstück wollte Petra etwas zum Mittagessen beisteuern. Mit einer großen Pfanne Bratkartoffeln, einer Schüssel Nudelsalat und gebratenen Würstchen mit deutschem Senf hatte sie einen Volltreffer gelandet. Zigmal musste sie erklären, wie der Salat angerichtet wurde und wie man Bratkartoffeln macht.


Als kurz nach Mittag die Vorbereitungen für das Abendessen begannen und wir die Unmengen an Rindfleisch sahen, die für den Grill vorbereitet wurden, haben wir uns diskret zurückgezogen. Es hat uns aber nicht viel genützt. Als erstes brachten uns unsere unmittelbaren Nachbarn, eine junge Familie mit Kindern, eine „Kostprobe“ vom Grill. Mit den gefüllten Paprikas, Würstchen und gegrilltem Fleisch hätten wir gut drei Tage gereicht – und dann kam auch noch Coster mit einer ebenso großen „Kostprobe“. Wir konnten es nicht abschlagen.


An den folgenden Tagen zog wieder Ruhe ein und Basko freute sich über die tägliche Extraportion Fleisch. Nach 4 Tagen in der Natur packten wir zusammen und machten uns auf den Weg. Noch vor der Parkausfahrt kam uns ein Pickup entgegen. Der Fahrer stoppte auf unserer Höhe, hielt ein Bier in unsere Richtung und lud uns freundlich zum Picknick ein. Es war wohl eher unser erschrockener Gesichtsausdruck als die verbale Ablehnung, die ihn veranlasste, nach einem kurzen Gruß weiterzufahren.


21.08.2010 – San Miguel de Allende


Bis Zacatecas fuhren wir auf bekannter Strecke zurück und bogen dann auf die Mex 57 ab. Über das quirlische San Luis Potosi erreichten wir San Miguel de Allende. Auf den letzten 20 km bis zur Stadt kündigte sich schon an, dass hier vorrangig Dollargeschäfte gemacht werden. An der Straße reihte sich ein Verkaufsstand an den nächsten, aber mit außergewöhnlichen Waren. Da gab es Antiquitäten, alte Autos und Traktoren, antiken Hausrat und viele andere Dinge, bei denen den US-Amerikanern die Augen leuchten. Sogar ein alter Panzer stand zum Verkauf.


Wenige Kilometer weiter, kurz vor der Stadt, bogen wir zum Balneario Escondido ab. Wir verbrachten einen ganzen Tag in den warmen Mineralquellen und konnten auch noch auf dem Privatgelände über Nacht stehen. Am nächsten Morgen fuhren wir dann auf den Trailerpark im Zentrum San Miguels. Gut, dass wir eine detaillierte Anfahrtsbeschreibung hatten. So konnten wir die Stadt umfahren und von der Umgehungsstraße aus den Trailerpark problemlos erreichen.


San Miguel ist ein Muss für alle Mexikoreisenden. Die malerische Kolonialstadt mit dem Namenszusatz des mexikanischen Freiheitskämpfers Ignacio de Allende hat keine großartigen Einzel-Sehenswürdigkeiten zu bieten, es ist eher der harmonische Gesamteindruck und die mittelalterliche Atmosphäre, die den Reiz der Stadt bestimmen. Dies, und das ganzjährig frühlingshafte Klima in 1900 m Höhe waren die Gründe, dass sich in der Vergangenheit zunehmend Künstler und reiche US-Amerikaner hier ansiedelten. Die Dollars haben der Stadt nicht geschadet, sieht man einmal von den explodierenden Immobilienpreisen ab. Die meisten der Stadthäuser sind meisterhaft rekonstruiert und zu Läden, Gaststätten oder Apartments ausgebaut. Über allem steht die ausgefallene Parroquia, die wichtigste Kirche und gleichzeitig das Wahrzeichen San Miguels.


Schlendert man durch die Gassen, dann sieht man jedes Mal ein anderes Bild. Dort, wo wir am Vortag noch ein nüchternes verschlossenes Holztor gesehen haben, war am nächsten Tag eine mittelalterlich anmutende Gaststätte oder ein verspielter schattiger Innenhof mit Brunnen und Galerie zu sehen. Dies ging nicht nur uns so. Bärbel und Joachim, zwei Panamericana-Reisende, die schon seit fast einem Jahr von San Miguel fasziniert sind und ihre Reise hier unterbrochen haben, teilten diese Meinung mit uns. Joachim, mittlerweile ein San Miguel Insider, zeigte uns die offensichtlichen und die versteckten Schönheiten der Stadt.


Am Zocalo, neben der Parroquia, wurde gerade wieder mal ein Fest gefeiert. Alte Feuerwehren und Polizeiautos waren aufgestellt, konnten besichtigt werden und fuhren dann mit ohrenbetäubendem Lärm durch die Stadt. Auf der anderen Seite des Zocalo startete gerade eine Stadtbegehung mit historisch gekleideten Stadtführern und Fackelbegleitung. Hier ist immer etwas los, sagte uns Joachim. In San Miguel wird jedes Wochenende irgendetwas gefeiert und den Höhepunkt bilden die Osterprozession und die Feiern zum Unabhängigkeitstag am 15. September. Dieses Jahr werden die Unabhängigkeitsfeiern noch gigantischer ausfallen, weil man den 200. Jahrestag des Unabhängigkeitskrieges und den 100. Jahrestag der Mexikanischen Revolution begeht.


Wie gern wären wir bis Mitte September in San Miguel geblieben, aber wir hatten wieder einen festen Termin. Unser Sohn Felix kommt am 28.08. nach Mexiko um mit uns bis Guatemala zu reisen und wir freuten uns seit langem auf diese gemeinsame Zeit. Wir nahmen Abschied von Bärbel und Joachim, mit denen wir einige nette Abende verbracht hatten, und fuhren weiter Richtung Mexiko City.


Auf dem Weg lag noch Querétaro, auch wieder eine tolle Kolonialstadt und UNESCO-Weltkulturerbe und Tula, die alte Hauptstadt der Tolteken, mit den berühmten Atlanten von Tula, die wir nicht auslassen wollten. Unsere Sparsamkeit hatte uns dann noch einen Streich gespielt. Mexikanische Mautstraßen sind relativ teuer und für unser Wohnmobil mussten wir immer, auf Grund der Zwillingsbereifung, den noch teureren LKW-Tarif bezahlen. Also fuhren wir meist die öffentlichen Straßen, die auch nicht schlecht waren. Aber nicht so von Tula nach Mexiko. Wir quälten uns über Holperpisten, durch Baustellen und enge Städte. Irgendwann hatten wir genug von der Schaukelei und nahmen die nächste Auffahrt auf die Mautautobahn. Schon nach wenigen Kilometern kam die Zahlstelle für die ganze Strecke. Hier besitzen nicht alle Auf- und Abfahrten Mautterminals sondern die Maut wird oftmals in der Mitte der Strecke verlangt. Die ortskundigen Mexikaner umgehen die Mautgebühr, indem sie an den richtigen Stellen ab und dann wieder auffahren.


Gerade hatten wir unseren Beitrag für den Bau der mexikanischen Straßen entrichtet, da wurden wir auch schon wieder an einer Polizeikontrollstelle rausgewinkt. In Mexiko City gibt es tageweise Fahrverbote für Privatfahrzeuge. Das Verbot richtet sich nach der Endziffer des Nummernschildes. Ich war mir sicher, dass an diesem Freitag kein Fahrverbot für unser Auto bestand, aber die Festlegungen hatten sich geändert. Mir kamen die Berichte von anderen Reisenden in den Sinn, die in solch einer Situation mehrere hundert US-Dollar bezahlen mussten. Sehr angenehm überrascht waren wir, als der Polizist zu uns sagte, dass es für uns kein Problem gäbe und uns eine gute Fahrt wünschte. Wir waren erleichtert, zum wiederholten Male haben wir absolut gute Erfahrungen mit der mexikanischen Polizei gemacht.


Erst am späten Abend kamen wir auf dem Trailerpark in Teotihuacán, am Rande von Mexiko City, an. Jetzt hatten wir noch einen Tag zur Vorbereitung bis zur Ankunft unseres Sohnes.

Montag, 23. August 2010

Montag, 9. August 2010

26.06.2010 – 26.07.2010: Quer durch Mexiko – Vom Atlantik zum Pazifik


27.06.2010 – Unser erster Tropensturm


Auf der gut ausgebauten Mex 307 fuhren wir, immer der Küste des Karibischen Meeres folgend, südwärts. Bis Chetumal sind es etwa 300 km, doch schon nach reichlich der halben Strecke ließen wir uns durch einen Wegweiser zur Costa Maya von unserer geplanten Route abbringen.


Auf einer Landzunge, östlich der Lagune Bacalar und der Bahia Chetumal, liegt Mahahual, ein isoliertes und beschauliches Fischerdorf, welches sich gerade von den Verwüstungen des Hurrikan Dean erholt. Im Jahre 2007 wütete Dean hier und zerstörte den gesamten Ort. Auch der ehemals dichte Wald ist verschwunden, übrig geblieben sind nur noch entwurzelte und umgebrochene Bäume, die wohl noch für Jahrzehnte den Bedarf an Brennholz decken werden.


In Miguels Strandbar, neben der wir einen tollen Übernachtungsplatz gefunden hatten, saßen wir dann noch bis spät in die Nacht und lauschten seinen Erzählungen über den grausamen Hurrikan. Seine neue Bar ist jetzt viel stabiler gebaut als die alte – aber die Angst vor den, in immer kürzeren Abständen tobenden Naturgewalten ist bei ihm, wie bei allen Bewohnern des Ortes, allgegenwärtig. Viele hatten damals ihre Existenz komplett verloren, ihr oft ärmlicher Besitz war nicht versichert oder die Versicherungen zahlten nicht.


Nach einer stürmischen Nacht wurden wir am frühen Morgen von Miguels Frau geweckt. Sie erklärte uns in gebrochenem Englisch, dass wir nicht an der Küste stehen bleiben können - es wäre zu unsicher. Erst Miguel brachte dann, die für uns verständliche Erklärung. Eine Unwetterwarnung veranlasste ihn, seine Bar komplett auszuräumen und er gab uns den Rat, einige Kilometer landeinwärts den Sturm abzuwarten.


Kurz nach Mittag begann es stark zu regnen und am Abend tobte der Tropensturm Celia, der mittlerweile zum Hurrikan hoch gestuft wurde, über uns hinweg. Im Pazifik entstanden hatte er jedoch seine Kraft beim Überqueren des mexikanischen Festlandes schon verloren und richtete diesmal in Mahahual nur geringe Schäden an.


Wir standen mit unserem Hobby windgeschützt hinter einem Hotel und haben die Sturmnacht recht unbeschadet überstanden. Am nächsten Morgen, ich war gerade auf der Suche nach einer Möglichkeit, um das WM-Spiel Deutschland gegen England zu sehen, waren die Bewohner von Mahahual schon dabei den zerstörten Bootssteg zu reparieren und den Unrat, den das Meer bis auf den Strandweg gespült hatte, zu beseitigen.


Der Sturm war vorbei, der Regen blieb und so beschlossen wir weiterzufahren. Überflutete und zum Teil eingebrochene Straßen, über die Ufer getretene reißende Flüsse und Regen ohne Pause waren unsere Begleiter auf der Fahrt durch die Bundesstaaten Quintana Roo und Campeche bis nach Chiapas. Später erfuhren wir, dass der Tropensturm Darby, der vierte in diesem Jahr, die Ursache dafür war.


30.06.2010 – San Cristobal de las Casas: Zapatistische Realität und indigene Bräuche


Die Straße von Palenque nach San Cristóbal de las Casas war gleich in zweifacher Hinsicht abenteuerlich. Zum einen war diese Bergstrecke, besonders nach den massiven Regenfällen der letzten Tage, in keinem guten Zustand - zum anderen führte sie durch ein Gebiet, welches als Hochburg der Zapatisten bekannt ist. Obwohl die EZLN (auf deutsch: Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) sich heute als eine gewaltfreie Guerillaorganisation bezeichnet, wurde immer wieder von Überfällen auf dieser Straße berichtet.


Erstmals trat die EZLN am 1. Januar 1994 in Erscheinung. An diesem Tag überfielen in Chiapas 800 bewaffnete und maskierte Männer in Überraschungsangriffen die Rathäuser von San Cristobal de las Casas, Las Margerita und Ocosingo sowie weiterer Städte und Dörfer, um auf die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung in Chiapas aufmerksam zu machen. Nach 12 Tagen bewaffneter Kämpfe mit der Armee wurde ein zeitlich unbegrenzter Waffenstillstand vereinbart. Im Friedensvertrag von San Andrés wurden dann 1996 der indigenen Bevölkerung weitgehende Autonomierechte versprochen, aber von der mexikanischen Regierung nicht wie vereinbart als Gesetz verabschiedet.


In der Folgezeit kam es immer wieder zu blutigen Überfällen durch rechtgerichtete Paramilitärs, so am 22.12.1997 im Ort Acetal, wo 45 Personen getötet wurden. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder - 21.000 Menschen flohen aus ihren Dörfern. Seit 2003 setzt die EZLN in 38 unabhängigen Gemeinden Chiapas eine de-Facto-Autonomie um, wofür jedoch keine Rechtsgrundlage besteht.


Unsere Fahrstrecke nach San Cristóbal führte genau durch dieses Gebiet und damit durch eine der unsichersten Gegenden Mexikos - aber wir mussten durch. Wir waren sehr erschrocken, als uns zwei Pickup’s mit vermummten Männern auf der Ladefläche entgegen kamen, aber sie hatten kein Interesse an uns. Sieht man von dem schlechten Straßenzustand ab, dann war es eine problemlose und auf den letzten Kilometern im Hochland sogar sehr schöne Fahrt. Nach 6 Stunden hatten wir die 200 km geschafft und erreichten San Cristóbal am frühen Abend.


Die schöne alte Kolonialstadt liegt auf 2100 m Höhe zwischen Pinienwäldern und saftig-grünen Wiesen. Das Klima tat uns besonders gut. Nach der feuchten Hitze an der Küste erlebten wir frühlingshafte Temperaturen am Tag und eine angenehme Kühle in der Nacht. Wir kramten unsere Bettdecken aus dem Stauraum hervor und schliefen wieder mal so richtig gut. Auch Basko fühlte sich sichtlich wohl.


Am nächsten Tag war frühes Aufstehen, ganz zum Leidwesen von Petra, angesagt. Wir wollten, noch vor den übrigen Touristen, in das Indiodorf San Juan Chamula fahren. Im Umland von San Cristóbal leben die Mayastämme Tseltal und Tzotzil, nach ihren eigenen Regeln, in einer seit Jahrhunderten bewahrten kulturellen Identität. Sie kleiden sich in ihrer Stammestracht und sprechen bis heute ihre eigenen Sprachen, viele verstehen kein Spanisch.


Die Straße nach San Juan Chamula windet sich durch eine, von Wiesen und Wäldern gesäumte Hügellandschaft, vorbei an Gehöften und Häusern der Indios. Viele der Tzotzil leben weit verstreut im Umland. Der Ort ist für sie der Mittelpunkt des Stammeslebens und mit der Kirche San Juán Bautista auch religiöses Zentrum.


Die Kirche ist eine Besonderheit in Mexiko. Ursprünglich als katholische Kirche gebaut besitzt sie weder Bänke noch Altar oder Orgel. Touristen ist es gestattet die Kirche zu besichtigen, wenn man sich im Hintergrund hält, die Zeremonien nicht stört und auf keinen Fall fotografiert. Wir traten durch das Portal in die Kirche und waren sofort gefangen, von der unbeschreiblichen geheimnisvollen Stimmung. Auf dem, mit duftenden Piniennadeln bestreuten Fliesenboden brannten hunderte Kerzen. Es roch nach Wachs und Weihrauch. Auf dem Boden saßen Indios in kleinen Gruppen und murmelten unverständliche Gebete. Dabei tranken sie Posh, ein selbstgebrannter hochprozentiger Schnaps, der als Trancemittel benutzt wird, und Cola. Auf der linken Seite, vor einem Heiligenschrein, sahen wir eine Heilungszeremonie. Ein Schamane beklopfte den Körper eines Indios mit einem Bund Kräuter und murmelte Gebete, die immer intensiver wurden. Dabei wurde ein lebendiges Huhn über die Flammen der Kerzen geschwenkt und danach getötet. In der Mitte der Kirche kniete ein alter Mann. Auch er trank Posh und murmelte Gebete. Es störte ihn wenig, dass wir in angemessenem Abstand dieses Schauspiel beobachteten, er lächelte uns kurz zu und setzte seine Zeremonie fort, die ebenfalls mit einem Tieropfer den Höhepunkt fand. Etwas verwirrt verließen wir diesen magischen Ort, in dem alte Mayarituale mit den Bräuchen der katholischen Eroberer vermischt wurden.


Den Nachmittag und den Folgetag verbrachten wir dann in San Cristóbal de las Casas. Das alte koloniale Zentrum mit dem zentralen Zócalo, der Kathedrale und den netten kleinen Gassen hat uns gut gefallen. Es war überall sauber und gepflegt. In der Stadt sahen wir viele Indígenas, die mit Kleinigkeiten handelten. Sie waren absolut nicht aufdringlich und ein freundliches „No, gracias señora“ genügte meist, um das Verkaufsgespräch zu beenden.


In einer anderen Dimension wurde auf dem Mercado Indígena, dem größten Markt der Umgebung, gehandelt. Er gilt als einer der interessantesten Märkte Mexikos. Mit einer unüberschaubaren Anzahl an Obst-, Gemüse-, Fleisch- und Fischverkaufsständen, mit kunstvollem Handwerk und billigem Plunder und mit seinen Wohl- und Übelgerüchen brachte er uns noch einmal die Realität des indigenen Lebens näher.


Über Tuxtla Gutiérrez fuhren wir zum Cañon del Sumidero. 1000 Meter tief hat sich hier der Rio Grijalva in den Fels eingeschnitten. Heute ist der Fluss angestaut und wird zur Energiegewinnung benutzt. Der Canyon ist durch eine Panoramastraße mit mehreren Aussichtspunkten erschlossen, von denen wir eindrucksvolle Aussichten in die Schlucht hatten. Auch hier begegneten uns wieder die Geschichte und der Stolz der Mayas. Auf einer Infotafel konnten wir nachlesen, dass sich im Jahre 1527 über 2000 Chiapas-Maya von der Schluchtkante gemeinsam in den Tod gestürzt haben, um der Versklavung durch die Spanier zu entgehen.


Mit den vielen verschiedenartigen Eindrücken der letzten Tage fuhren wir weiter.


04.07.2010 – Bei Hogar Infantil in Ocozocoautla


Wir suchten einen Platz, an dem wir die Erlebnisse der letzten Tage verarbeiten und gleichzeitig eine kleine Ruhepause einlegen konnten und fanden diesen bei Hogar Infantil, einem mexikanischen Kinderheim in texanischer Trägerschaft.


Das Kinderheim liegt wunderschön inmitten einer Ranch, nahe der kleinen Stadt Ocozocoautla. Am Rande der Ranch waren vier Stellplätze für Wohnmobile vorhanden und neben Strom und Wasser stand uns sogar WiFi-Internet zur Verfügung. Noch am ersten Tag kam der Direktor, um uns herzlich zu begrüßen. Wir konnten uns alles ansehen, mit den Kindern Kontakt aufnehmen und die freiwilligen Helfer und Erzieher beantworteten uns jede Frage.


Besonders beeindruckt hat uns, wie nett und freundlich die Kinder miteinander umgingen. Interessant auch, dass fast alle einen qualifizierten Berufswunsch hatten. Ob aus den Jugendlichen später wirklich Lehrer, Ingenieure oder Ärzte werden ist nicht so wichtig, wichtig ist der Wille, aus ihrem Leben das Beste zu machen. Alle haben ihre Chance begriffen und arbeiten an ihrer Zukunft.


Das Klima war sehr angenehm, wir machten ausgedehnte Spaziergänge und hatten Zeit und Gelegenheit wieder einmal Ordnung in unseren rollenden Haushalt zu bringen. Wir fühlten uns rundum wohl und verschoben unsere Weiterreise Tag für Tag.


Am Sonnabend sollte es dann einen Höhepunkt geben. In Mexiko, wie in ganz Lateinamerika, ist der 15. Geburtstag der Mädchen ein ganz besonderer Tag. Das, als Quinceañera bekannte und langersehnte Fest markiert den Eintritt in die Welt der Frauen. Auch im Kinderheim wurde dieses Fest gefeiert, 5 Mädchen waren es diesmal, die an diesem Tag im Mittelpunkt standen. Wir freuten uns über die Einladung des Direktors, hatten wir doch so die Gelegenheit einige Fotos zu schießen.


Die Mädchen waren wunderschön gekleidet, sie waren stolz auf diesen Tag und sehr aufgeregt. Das Fest begann mit einer Andacht in der kleinen Kirche des Kinderheimes. Dann ging es in den großen Mehrzwecksaal zum Feiern. Freunde und Verwandte der Mädchen waren zu Besuch, und natürlich waren alle Kinder des Heimes dabei. Dass mit der Einladung des Direktors auch die Teilnahme am Festessen und ein reservierter Platz am Direktorentisch verbunden waren, war uns schon etwas unangenehm. Wir waren Außenstehende und wurden so fast zu Hauptpersonen.


Herzlichkeit, Gastfreundschaft, Lebensfreude und Gemeinschaftssinn sind die Begriffe, mit denen wir diesen schönen Tag umschrieben haben. Als wir am nächsten Morgen nach der Rechnung für den Campingplatz fragten, sahen wir nur erstaunte Gesichtern und ein Kopfschütteln. Es kostete nichts!! Über die Internetseite des Kinderheimes war aber eine Spende möglich, so dass wir nach knapp einer Woche diesen gastlichen Ort mit einem guten Gewissen verlassen haben.


12.07.2010 – An der Pazifikküste nach Acapulco


Unser Weg an die Pazifikküste führte uns über die Bergausläufer der Sierra Madre de Chiapas. Noch war die Landschaft grün, die Luft klar und frisch, aber je weiter wir zum Pazifik kamen, umso wärmer und feuchter wurde das Klima. Die Mex 200 verläuft in einigem Abstand zur Küste und wir benötigten drei Anläufe, ehe wir einen geeigneten Platz für die Nacht gefunden hatten. In der Nähe des Ortes Emiliano Zapata, am Mar Muerto, fanden wir dann einen ganz netten Platz zwischen den Strandrestaurants. Die Erfrischungsgetränke waren kalt und günstig, gegessen haben hier nichts. Der hygienische Zustand der Küche hat uns davon abgehalten. Am nächsten Morgen sahen wir, wie verschmutzt die Lagune war. Da halfen auch die vielen geschnitzten Schilder mit der Aufforderung, keinen Abfall wegzuwerfen, nichts. Es tat uns immer wieder weh, wenn wir sehen mussten, wie diese außergewöhnlich schöne Natur misshandelt wird.


Über Salina Cruz, eine wenig attraktive Hafen- und Raffineriestadt, fuhren wir nach Huatulco. Hier wird von der mexikanischen Tourismusbehörde ein gigantisches Projekt umgesetzt. Huatulco ist der Sammelbegriff für neun romantische Buchten und mehrere neu- oder ausgebaute Orte. Vieles ist noch im Bau, erst für 2018 ist die Fertigstellung geplant, aber schon jetzt leidet die Region unter Urlaubermangel. Wir fanden einen ruhigen Parkplatz, direkt im Ortskern von Santa Cruz, einem der Hauptorte von Huatulco.


Um den Zócalo reihen sich Bars und Restaurants, die Tische standen bis an den Strand – aber es waren kaum Gäste da. Da half es auch recht wenig, dass man auf Schritt und Tritt angesprochen und mit irgendwelchen Speisekarten konfrontiert wurde. Wir nutzten unseren bevorzugten Stellplatz, um jeden Morgen ein kühles Bad in der sauberen Bucht von Santa Cruz zu nehmen. Danach erkundeten wir die schöne Gegend. Anders als in Cancún setzt man hier auf sanften und zurückhaltenden Tourismus. Es gibt keine Hotelburgen, alles passt sich relativ gut in die Landschaft ein.


Der Pazifik hat normalerweise ein anderes Temperament als in den Buchten von Huatulco, er ist rau, mit hohen brechenden Wellen und einer gefährlichen Unterströmung. An vielen Küstenabschnitten gibt es keine Möglichkeit zum Schwimmen. Dies gilt auch für die Küste nördlich von Puerto Angel. Hier liegt Zipolite, ein legendärer Kultstrand, der Backpacker, Aussteiger und Budgeturlauber gleichermaßen anzieht. Etwas weiter nördlich wird es ruhiger, aber nicht weniger schön.


La Ventanilla (Fensterchen) ist ein kleiner Fischerort mit nur 25 Familien. Der Ortsname ist abgeleitet von einem Felsen mit einem fensterartigen Durchbruch. Nach einer ausgedehnten Strandwanderung, bei der wir auch wieder beobachten konnten, wie mit Netzen vom Strand aus gefischt wurde, haben wir sehr gut im Restaurant des Ortes gegessen und es uns dann im Hobby bequem gemacht. Gegen neun klopfte es zaghaft an unser Wohnmobil und die Besitzerin des Restaurants bot uns an, direkt neben ihrem Haus zu parken. Es wäre besser und auch viel sicherer. Die Nacht war schnell vorbei, das heißt, wir haben gut und fest geschlafen.


Am nächsten Morgen besuchten wir das mexikanische Schildkrötenzentrum im Nachbarort Mazunte. Das Zentrum dient Meeresbiologen zu wissenschaftlichen Studien und zur Zucht aller sieben Schildkrötenarten, die in Mexiko vorkommen. Besonders interessant war für uns die Lederschildkröte. Lange standen wir am Beckenrand und beobachteten ihre lustigen Gesichtszüge beim Auftauchen. Es ist die größte Meeresschildkröte überhaupt, bis zu 2 Meter lang und 600 kg schwer kann sie werden.


Dass sich dieses Schildkrötenzentrum in Mazunte befindet ist kein Zufall. Viele Meeresschildkröten kommen an die Strände von Mazunte zur Eiablage, und bis 1990 waren der Fang und die Vermarktung von Schildkröten die Haupteinnahmequelle der Küstenbewohner. An manchen Tagen wurden in Mazunte tausende Tiere gefangen und abgeschlachtet, bis die mexikanische Regierung ein Fangverbot erließ, damit aber auch den Fischern und deren Familien die Lebensgrundlage entzog. Mit einem beispielhaften ökologischen Entwicklungsprogramm wurde die gesamte Gegend umgestaltet. Heute verdienen sich die Einwohner von Mazunte und La Ventanilla ihr Einkommen durch Tourismus, durch das Schildkrötenzentrum und mit der Herstellung und dem Verkauf von Naturkosmetik-Produkten.


Über Puerto Escondido fuhren wir weiter nordwärts, Acapulco war unser Ziel. Meist übernachteten wir an Fahrtagen bei den weiträumigen PEMEX-Tankstellen oder in kleinen Orten. Kurz vor Acapulco war es, als wir wieder einmal auf der Suche nach einem Schlafplatz von der Mex 200 in Richtung Küste abgebogen sind. Las Peñas stand auf dem Straßenschild und nach 10 km standen wir in dem kleinen Ort, in den sich wohl noch kein Tourist verirrt hatte. Die Straße wurde immer schlechter, bald war sie nur noch eine Schlammpiste. Bei den letzten Hütten verlief sie sich im Sumpf der Lagune Chautengo. Irgendwie schafften wir es unseren Hobby zu wenden. Wir wurden interessiert und zurückhaltend beobachtet, und unsere Grüße wurden nur sehr reserviert erwidert. Ich hatte noch den Satz: „Nur weg hier!“ auf den Lippen, als uns vom ersten Haus des Dorfes freundlich zugewinkt wurde. Es war mittlerweile schon fast dunkel geworden und Petra sagte: „Jetzt frag ich, ob wir hier übernachten können“. Es war eine gute Idee! Wir erlebten so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, wurden mit Obst und frischen Eiern beschenkt und am nächsten Morgen zeigte uns der Sohn der Familie das Dorf. Viele Dorfbewohner kamen vorbei, um uns, die Gäste aus dem fernen Alemania, zu sehen und willkommen zu heißen. Etwas Enttäuschung stand auf ihren Gesichtern, als wir uns gegen Mittag verabschiedeten, um die letzten Kilometer bis Acapulco unter die Räder zu nehmen.


22.07.2010 – Acapulco


Die letzten 20 km bis Acapulco waren eine harte Prüfung für unsere Nerven. Nicht viel schneller als in Schrittgeschwindigkeit passierten wir unzählige Baustellen und Straßenabschnitte, die nur aus Schlamm und Löchern bestanden. Dann, in Acapulco angekommen, verhinderte das hohe Verkehrsaufkommen ein vernünftiges Vorankommen. Wir durchquerten die Stadt weit oberhalb der Küste. Von dort hatten wir einen traumhaften Blick auf die Bucht und wurden gleichzeitig mit den größten Problemen von Acapulco konfrontiert. Durch den unkontrollierten Zuzug armer Dorfbewohner, auf der Suche nach Arbeit, explodierte ab etwa 1950 die Bevölkerungszahl regelrecht. Eine vernünftige Stadtentwicklung war nicht gegeben, so dass der obere Teil der Bucht bis heute von ärmlichen Behausungen, Schmutz und Kriminalität geprägt ist. Seit 1990 versucht die Stadt mit einem aufwändigen Sanierungsprogramm die größten Probleme in den Griff zu bekommen und vor allem, die mit ungeklärten Abwässern verschmutzte Bucht zu sanieren. Die meisten Urlauber wohnen in der gepflegten Hotelzone und werden von diesen Problemen nicht viel erfahren – solange sie nicht Opfer der vielen Diebe oder Betrüger werden. Acapulco steht in der Verbrechensstatistik weit oben – noch vor Mexiko City.


Unser Ziel war das kleine Fischerdorf Pie de la Cuesta, das am nördlichen Stadtrand von Acapulco, auf einer schmalen Landzunge, zwischen Pazifik und der Lagune de Coyuca liegt. An der riesigen Süßwasserlagune kämpfte bereits Silvester Stallone in Rambo 2, heute ist es ein eher ruhiger und erholsamer Ort. Der gepflegte Trailerpark bot uns allen erforderlichen Komfort und es gab eine direkte Busverbindung ins Zentrum Acapulcos.


Die Busfahrt in dem Vorortbus nach Acapulco war ein ganz besonderes Erlebnis. Mindestens 20 Jahre alt, klapprig und so verrostet, dass wir von innen durch die Rostlöcher im Boden die Straße sehen konnten, verwunderte es uns, dass der Bus noch nicht auseinander gebrochen ist. Die Türen schlossen nicht mehr richtig, Armaturen waren nicht vorhanden und der Fahrer saß auf einer Art Campingstuhl hinter dem großen Lenkrad. Das Einzige, was gut funktionierte war die Beschallung im Bus. Ohrenbetäubende mexikanische Musik machte das Gefährt zu einer rollenden Disco, aber es schien niemanden zu stören – selbst Kleinkinder schliefen in den Armen ihrer Mütter friedlich ein. Nach 30 aufregenden Minuten standen wir in Acapulco am Zócalo und wunderten uns, dass diese Schrotthaufen immer noch zur Personenbeförderung eingesetzt werden.


Unser erstes Ziel waren die berühmten La-Quebrada-Klippenspringer, die wohl bekannteste Attraktion Acapulcos. Aus 35 Metern Höhe stürzten sich die Clavadistas (Todesspringer), vorbei an den schräg ins Meer abfallenden Felsen, in die schmale Bucht. Dabei mussten sie sich nicht nur kräftig abstoßen, um an den scharfen Klippen vorbei in das schäumende Wasser der Bucht zu springen, sondern auch noch genau den Zeitpunkt abpassen, in dem die Brandung in die schmale Bucht strömte und eine Wassertiefe schaffte, die diese Sprünge erst ermöglichte. Während der Vorführung wurde der Schwierigkeitsgrad der Sprünge jeweils gesteigert. Saltos, Sprünge rückwärts und Synchronsprünge waren die Höhepunkte. Nach jedem Sprung kletterten die Clavadistas an den Klippen nach oben, um ein weiteres Mal ihren Mut zur Schau zu stellen.


Nicht so spektakulär, dafür wesentlich informativer, war das Historische Museum im Fort San Diego. In einer schön präsentierten Ausstellung wurde die Entwicklung Acapulcos zum Ausgangspunkt der spanischen Expansion im Pazifik dargestellt. Von Acapulco stachen die spanischen Galeonen in Richtung Ostasien und Philippinen in See, um nach Monaten, schwer mit Schätzen beladen, hier wieder anzulanden. Die Schiffe wurden entladen und die wertvollen Waren wie Porzellan, Seide und Gewürze mit Eselskarawanen nach Veracruz transportiert. Von dort erfolgte die Weiterverschiffung nach Spanien. Auch die Goldschätze Perus nahmen diesen Weg. Zum Schutz gegen holländische und englische Piraten wurde 1776 das Fort San Diego erbaut.


Zurück in Pie de la Cuesta erlebten wir zum wiederholten Male einen der spektakulären Sonnenuntergänge, für die dieser Ort berühmt ist. Nach einigen schönen Tagen am Meer zog es uns dann wieder in das klimatisch angenehmere zentrale Hochland.