Freitag, 10. Juni 2011

01.04.2011 – 25.04.2011: Peru – auf den Spuren der Inka


02.04.2011 – Nordperu - Schmutz, Armut und ein herrschaftliches Grab

„In Peru ist manches anders als in Ecuador“ hatte man uns noch kurz vor dem Grenzübertritt gesagt und nun erlebten wir es selbst - das Schockprogramm. Die Panamericana war in einem recht guten Zustand, aber abseits der Straße sahen wir nur Schmutz, Müll und Armut. Die Menschen lebten in einfachsten Behausungen, die wohl nur durch die aufgepinselten grellen Wahlwerbungen zusammengehalten wurden. Es war für uns unverständlich, wie man hier leben kann. Ein klappriger Bus hielt in einer Staubwolke, eine Gruppe Kinder stiegen in blitzsauberen Schuluniformen aus und liefen ihrem Zuhause entgegen. Einige blieben an unserem Wohnmobil stehen und schauten uns interessiert an. „Wir werden hier über Nacht parken“ erklärten wir ihnen. Wir hatten den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, als die Kinder schon lärmend und schreiend zu ihren Häusern liefen. „Vielleicht sollten wir doch weiterfahren und uns einen anderen Platz für die Nacht suchen“, war unser nächster Gedanke, als die Kinder schon wieder zurückgerannt kamen. Sie beschenkten uns mit Mangos und Orangen und hießen uns in ihrem kleinen Dorf willkommen. Wir hatten noch kein peruanisches Geld und konnten uns nur mit einigen Süßigkeiten und einer Tafel Schokolade bedanken.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Piura, der ersten größeren Stadt in Peru. Hier versorgten wir uns mit ausreichend Bargeld und schlossen eine Versicherung für unser Wohnmobil ab. Zurück auf der Panamericana durchquerten wir die Sechura-Wüste. Auf diesen 200 km sahen wir nur Dürre, Sand und Trockenheit, aber auch hier leben Menschen. Wir waren immer wieder entsetzt, wenn wir sahen, dass der Müll aus den Städten achtlos in der Wüste abgekippt und oftmals auch noch angebrannt wurde. Dunkle, weithin sichtbare Rauchfahnen zeugten von diesen Umweltsünden.

In Lambayeque hatten wir das Ziel unserer Tagesetappe erreicht. Hier befindet sich eines der wenigen archäologischen Highlights im Norden Perus: das Museo Tumbas Reales de Sipán. Im Jahre 1987 wurde, im Tal des Rio Lambayeque, das unberührte, etwa 1700 Jahre alte Grab eines Mochica-Herrschers entdeckt. Die heute als das Grab des Herrn von Sipán bekannte Ausgrabung enthielt außerordentlich zahlreiche und wertvolle Grabbeigaben, vieles davon aus purem Gold. Niemals zuvor war in Südamerika ein so reicher Grabschatz entdeckt worden. Die Fachleute verglichen seine Bedeutung mit der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun in Ägypten. Die meisten Originalstücke sowie eine Nachbildung der Grabkammer wurden in dem extra dafür gebauten Museum sehr eindrucksvoll präsentiert. Es wurde aber auch darüber informiert, dass durch Korruption und Schlamperei viele der unwiederbringlichen Grabbeigaben geraubt und weltweit auf dem schwarzen Kunstmarkt verkauft wurden. Ein trauriges Kapitel und in der heutigen Zeit fast unvorstellbar. Leider hatte man in Peru aus dieser Misere nicht viel gelernt. Im Jahre 1991 wurde in der gleichen Gegend, in Batán Grande, das Grab des Sicán geöffnet. Es enthielt über eine Tonne kostbarster Grabbeigaben, die dann ebenfalls zu einem großen Teil geraubt und weltweit verkauft wurden.

Nur 100 km weiter südlich befinden sich die Ruinen von Chan Chan, der ehemaligen Hauptstadt der Chimú. Die Chimú waren ein mächtiges Nachfolgevolk der Mochica. Ihr Reich erstreckte sich von Südecuador bis nach Lima und ihre Hauptstadt Chan Chan war im 13. und 14. Jahrhundert die größte Stadt Südamerikas, vielleicht sogar der ganzen Welt. Bis zu 100.000 Menschen sollen in der Stadt gelebt haben, die komplett aus Lehmziegeln erbaut war. Diese Bauweise war auch der Grund, dass von der rund 20 Quadratkilometer großen Stadt heute kaum noch etwas zu sehen ist. Eine noch nie da gewesene Regenflut im Jahre 1925 zerstörte die meisten Gebäude, die heute wie in der Sonne geschmolzenes Wachs aussehen. Die El-Niño-Klimaphänomene der letzten Jahre gaben der Stadt dann den Rest. Alles, was nicht mit einem Dach geschützt war, wurde vernichtet - unter anderem auch viele der wertvollen Adobereliefs.

Der Zeremonialpalast Tschudi ist heute am Besten erhalten und rekonstruiert. Eindrucksvoll von einer 12 Meter hohen und 5 Meter dicken Adobemauer umgeben, konnten wir hier noch etwas von der damaligen Dimension der Stadt erahnen. Tonnen von Gold waren in der Stadt verbaut, die wichtigsten Gebäude waren mit Goldplatten verziert. Als die Inka die Stadt 1460 eroberten und das Chimúgebiet in das Inkareich integrierten, wurde die Stadt nicht geplündert. Das machten erst die goldgierigen Spanier 73 Jahre später. Die Goldschmiede und Kunsthandwerker aus Chan Chan wurden nach Cusco verschleppt und mussten ihre einzigartigen Fähigkeiten den Inka zur Verfügung stellen. Diese hatten damals bei Weitem noch nicht diese Perfektion in der Goldverarbeitung wie die Chimú erreicht.

Wir waren jetzt recht gut über die Präinkakulturen informiert und neugierig auf die Hochburgen des Inkareiches. Unser nächstes Ziel auf unserer Perurundreise war aber erst einmal Lima. Die von Francisco Pizarro am 06. Januar 1535 gegründete Hauptstadt Perus war einst die reichste, prächtigste und mächtigste Kolonialstadt Südamerikas. Bis nach Lima waren es noch knapp 800 Kilometer und wir mussten unbedingt am 09.04. am Aeropuerto stehen. Unsere Tochter Katharina kam zu Besuch und sie würde es uns nur schwer verzeihen, wenn wir sie nicht pünktlich abholen würden.

Die Strecke bis Lima hatte wenige Höhepunkte, die Panamericana verläuft hier parallel zur Küste durch eine unendliche Wüste. Abschnittsweise war der karge Wüstenboden bewässert und dann wuchsen Orangen, Avocados und andere Früchte im Überfluss. Wir hatten uns auch etwas auf die Küste gefreut und waren enttäuscht, dass es kaum eine Möglichkeit gab, an den Strand zu fahren. Die wenigen kleinen Küstenorte waren wenig ansprechend, an der ganzen Küste standen stinkende Fischmehlfabriken, sodass wir ohne größeren Aufenthalt bis Lima durchgefahren sind.

10.04.2011 – Lima - eine Stadt im Wahlfieber

Im Umland von Lima sah es aus wie in jeder anderen südamerikanischen Großstadt. Hier leben die Ärmsten der Armen, die Campesinos, die vom Land in die Stadt gezogen sind, um ein besseres Leben zu beginnen. Für die meisten von ihnen bleibt dies aber nur ein Traum, sie leben in erbärmlichen Hütten unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Viele von ihnen verdienen sich ihren Lebensunterhalt als fliegende Straßenhändler - 1,5 Millionen gibt es davon allein in Lima. Wir waren froh, als wir diese schmutzigen Stadtviertel hinter uns gelassen hatten und den im Stadtbezirk Callao liegenden Flughafen erreichten. Wir hatten noch genug Zeit, um das Wohnmobil noch etwas auf- und umzuräumen und für Katharina das „Gästezimmer“ im Alkoven herzurichten.

Nach einem vierundzwanzigstündigen Flug kam unsere Kathi dann am Abend, völlig übermüdet, aber glücklich, in Lima an. Es gab viel zu erzählen, Geschenke wurden ausgepackt und einige der mitgebrachten Leckereien wurden schon mal probiert. Die Nacht verbrachten wir direkt neben dem Flughafen. Hier sind in einem Aeropark Flugzeuge und Hubschrauber ausgestellt und alles wurde Tag und Nacht gut bewacht, ein idealer Stellplatz für uns.

Am nächsten Morgen fuhren wir in die Innenstadt. Der deutsche Club Germania, so wurde uns von anderen Reisenden mitgeteilt, ist ein idealer und sicherer Platz für Wohnmobilreisende. Dort wollten wir die nächsten zwei Tage stehen und uns die Altstadt Limas ansehen. Leider hatten wir uns für die Fahrt in die Stadt genau den falschen Tag ausgesucht. In Peru war an diesem Sonntag Präsidentschaftswahl und die ganze Stadt war auf den Beinen, um zum entsprechenden Wahllokal zu kommen. Über eine Stunde standen wir an einer Kreuzung im Stau. Wir glaubten, die Straße sei durch einen Unfall gesperrt, aber später sahen wir, dass die Kreuzung ausschließlich durch den chaotischen Fahrstil der Auto- und Busfahrer blockiert war. Jeder glaubte schneller weiterzukommen, wenn er auch von der gesperrten Richtung auf die Kreuzung fährt. Die herbeigerufene Verkehrspolizei konnte den Stau auch kaum auflösen, die Polizisten wedelten mit ihren Armen in alle Richtungen und veranstalteten dazu ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert. Als wir die Kreuzung dann endlich passiert hatten, kam die nächste Herausforderung für uns. Auf dem zweispurigen Zubringer zu einem großen Kreisverkehr staute sich wieder einmal alles. Jetzt hatten die Autofahrer aber eine andere Idee. Die kleineren Autos wendeten auf der Einbahnstraße, Busse und Kleintransporter fuhren rückwärts und hupten sich den Weg frei. Als ich keinerlei Anstalten machte auch rückwärts aus der Straße wieder herauszufahren wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass ich die Verkehrsregeln in Lima noch nicht verstanden hätte. Irgendwann ging es dann doch weiter und die Auffahrt auf den Kreisverkehr hat selbst mich etwas beunruhigt. Hier existieren keine Regeln, wir mussten uns, wie alle anderen Autos auch, langsam in den fließenden Verkehr hinein drängeln und darauf hoffen, dass ein anderer Autofahrer im letzten Moment bremst. Ein alter zerbeulter Stadtbus kam unserem Alkoven so nahe, dass ich schon mit dem Schlimmsten gerechnet habe, aber irgendwie ging alles gut. Eine Stunde später lagen wir im Club Germania am sauberen Pool und erholten uns von dieser aufregenden Fahrt.

Schon im Norden Perus hatten wir vergeblich versucht, die Verkehrsregeln zu verstehen. An vielen Kreuzungen stehen keinerlei Verkehrsschilder und die Vorfahrt scheint ungeregelt zu sein. Im Club hatte ich dann die Gelegenheit, mich mit einem deutschen Unternehmer darüber auszutauschen. „Eigentlich“, so sagte er, „gilt hier in Peru an solchen Kreuzungen die rechts vor links Regel. Aber es gibt noch viele weitere praktizierte Vorfahrtregeln, wie zum Beispiel groß vor klein, schnell vor langsam, bergauf vor bergab oder laute Hupe vor leiserer Hupe.“ Jetzt wussten wir fast alles über die Verkehrsregeln in Peru, da konnte ja nichts mehr schief gehen. Und dann hatte er noch zwei weitere Informationen für uns. Unter den peruanischen Autofahrern hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Fahren mit Licht der Batterie schadet, also wird nachts meist ohne Licht gefahren. Auch glaubt man hier, einen drohenden Unfall durch lautes Hupen abwenden zu können. Das letzte Risiko wird dann noch durch die vielen in den Autos aufgeklebten Heiligenbilder und durch ständiges Bekreuzigen während der Fahrt minimiert. Die vielen Kreuze an den Landstraßen zeigten die Realität.

Der Taxifahrer, der uns am nächsten Tag in die Altstadt brachte, schien sich auch voll auf seine Heiligenfigur an der Frontscheibe zu verlassen. Gas, Bremse und Hupe wurden offensiv eingesetzt, um sich durch den Großstadtverkehr eine Schneise zu schlagen. Petra und Katharina wurde es auf der Rückbank schon ganz schlecht und wir waren froh, als wir unser Ziel, die Plaza Mayor, erreicht hatten. Hier, am neu hergerichteten schönsten Platz der Stadt, stehen die Kathedrale, der Palast des Erzbischofs und der Regierungspalast. Typisch für das kolonialzeitliche Lima sind die reich geschnitzten Holzerker, von denen man das Leben auf der Straße beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. In der prächtigen Kathedrale befindet sich das Grab von Francisco Pizarro. Es wird von den Peruanern verehrt, wie das Grab eines Heiligen, obwohl Pizarro die hohe Inkakultur mit blutiger Gewalt vernichtet und das ganze Land geplündert hat.

Nach dem Bummel durch Limas Altstadt fuhren wir zurück zum Club Germania. Hier herrschte eine etwas bedrückte Stimmung. Das Wahlergebnis konnte für deutsche Investoren nicht schlechter ausfallen. Die zwei Sieger bei der Präsidentschaftswahl waren die extrem rechte Keiko Fujimori und der extrem linke Ollanta Humala. Hier im Club glaubte man, dass keiner von beiden die liberale Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, die zu Wirtschaftswachstum und sinkender Arbeitslosigkeit geführt hat, fortsetzen wird. Ein deutscher Unternehmer brachte es auf den Punkt. Die Stichwahl Anfang Juni ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Er wird wohl seine Firma in Lima schließen und zurück nach Deutschland gehen.

Wir ließen uns durch das Wahlergebnis den Tag nicht vermiesen. Bei deutscher Küche im Club-Restaurant verbrachten wir einen schönen Abend und bereiteten uns auf die Weiterfahrt nach Nasca vor.

14.04.2011 – Nasca - Geoglyphen und Mumien

„Wenn Sie einmal zufällig in Peru sind, dann versäumen Sie nicht sich die Geoglyphen in Nasca anzusehen“ hatte Erich von Däniken während eines Vortrags in Chemnitz vor einigen Jahren gesagt und damit Heiterkeit ausgelöst. Auch wir hatten damals nicht daran geglaubt, einige Jahre später in Nasca vor den Geoglyphen zu stehen. Die Scharrbilder in der trockenen Pampa bei Nasca gaben und geben noch heute den Wissenschaftlern Rätsel auf. Nur aus der Luft zu erkennen, sind ihr Zweck und ihre Bedeutung weitestgehend ungeklärt. Die Deutungsversuche von Erich von Däniken, übrigens seit 1979 Ehrenbürger der Stadt Nasca, haben zu vielen Diskussionen unter Archäologen und Historikern geführt. Aber genau diese fantastischen Deutungen trugen dazu bei, dass das Bilderbuch im Wüstensand international bekannt wurde. Wesentlich seriöser waren die wissenschaftlichen Untersuchungen der deutschen Mathematikerin und Geografin Dr. Maria Reiche. Maria Reiche war besessen von dem Gedanken, die Geoglyphen zu erforschen, zu vermessen und ihren Sinn zu verstehen. Nur ihr ist es zu verdanken, dass die Bilder im Wüstensand nicht von wilden Offroadfahrern zerstört worden sind und dass die UNESCO die Nasca-Geoglyphen als Weltkulturerbe eingestuft hat. Ihre Theorie, dass die Geoglyphen Teil eines großen astronomischen Kalenders seien, ist heute bewiesen.

Von dem, durch Maria Reiche auf eigene Kosten errichteten Aussichtsturm an der Panamericana konnten wir die Figuren ‚Hände’, ‚Baum’, und ‚Eidechse’ sehen, wobei auch diese Figuren durch Autofahrspuren nur sehr undeutlich zu erkennen waren. Im Maria-Reiche-Museum steht ein alter VW-Bus, mit dem eine von Frau Reiche privat finanzierte Truppe zum Schutz der Geoglyphen unterwegs war.

Besser zu sehen sind die Bilder vom Flugzeug aus, aber wir hatten an diesem Tag kein Glück. Am kleinen Flughafen in Nasca wurde uns gesagt, dass der nächste Flug erst gegen Mittag frei wäre und dann bewölkte sich der Himmel immer mehr und es wurde dunstig. Andere Fluggäste rieten uns davon ab, bei diesem Wetter zu fliegen. Wir würden nichts erkennen. Etwas traurig, aber auch froh nicht unnötig Geld ausgegeben zu haben, nutzten wir den Rest des Tages, um uns den archäologischen Friedhof in Chauchilla anzusehen.

Über eine Wüstenpiste erreichten wir das Gräberfeld. Hier soll es Tausende Mumiengräber der Nasca-Kultur geben. Überall wurden Knochenreste und Schädel gefunden. Archäologen wie auch Grabräuber hatten hier ein riesiges Betätigungsfeld. Heute sind 12 Grabkammern freigelegt und überdacht. Die schauerlich anzusehenden, über 1000 Jahre alten Mumien, saßen aufrecht in den Grabkammern. Teilweise war ihre Haut völlig konserviert und die langen Zöpfe sahen ganz real aus. Etwas makaber fanden wir diese Mumienschau schon, aber es gehört wohl auch zur peruanischen Kultur dazu. Auf alle Fälle ist dieser archäologischen Friedhof einmalig in Peru und einen Besuch wert. Noch am gleichen Abend fuhren wir weiter in Richtung Cusco.

18.04.2011 – Cusco - der Nabel der Welt

Unserer Fahrt von Nasca nach Cusco führte uns über annähernd 5000 Meter hohe Pässe. Herrliche Hochgebirgsebenen wechselten sich ab mit steilen Serpentinen. In einiger Entfernung sahen wir die schneebedeckten Gipfel der Cordillera de Huanzo. Auf den weiten Ebenen grasten Lamas, Alpakas und wir sahen auch viele wilde Vicuñas. Diese Wildkamele wurden bis vor wenigen Jahren erbarmungslos gejagt. Jetzt gibt es strenge Schutzbestimmungen, sodass sich der Bestand an Vicuñas langsam wieder erhöht. Die Wolle der Vicuñas ist die teuerste Naturfaser der Welt. Ein Kilo kostet bis zu 500 €, wobei pro Tier nur etwa 500 g Wolle jährlich gewonnen werden.

Wir rollten durch die fantastische Bergwelt der Kordilleren, die Sonne schien, die Straße war in einem einwandfreien Zustand,wir fühlten uns gut und waren glücklich - doch dann änderte sich schlagartig unsere Stimmungslage. Wir wurden Zeuge eines schweren Unfalls. Auf völlig gerader Strecke waren zwei Geländewagen frontal zusammengestoßen. Die Autos waren kaum noch als solche zu erkennen. Unter einer Plane lag eine tote Frau, eine blutleere Hand, wie aus Wachs, schaute unter der Plane hervor. Der Fahrer war eingeklemmt, aber offensichtlich auch tot. Wer sollte ihm auch hier in dieser Einsamkeit helfen. Ein Krankenwagen hätte Stunden bis zum Unfallort benötigt. Überall war Blut, Öl und Benzin liefen aus und Teile der zerstörten Autos lagen in der Gegend herum. Es war schrecklich und wir waren sehr aufgewühlt. Gut, dass wir nicht die Ersten am Unfallort waren. Wir erinnerten uns, dass uns der eine Wagen vor einigen Minuten überholt hatte. Eine halbe Stunde eher, und es hätte vielleicht uns getroffen.

Schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, fuhren wir bis kurz vor Cusco. Die Schönheit der Natur erreichte uns nur noch im Unterbewusstsein.

Am nächsten Morgen waren wir schon zeitig nach Cusco unterwegs und nach einigem Suchen hatten wir auch den kleinen Campingplatz „Quinta Lala“ gefunden. Der Platz war völlig aufgeweicht und wir trauten uns, nicht draufzufahren. Vor der Einfahrt war noch ein Plätzchen für uns frei. Dann gingen wir das erste Mal in die Altstadt.

Cusco ist einfach beeindruckend. Alles wirkt hier wie aus einem Guss. Am Plaza de Armas stehen die Kathedrale, die ebenso schöne Kirche Compañia de Jesus, die Universität und weitere eindrucksvolle Kolonialbauten. Welcher Glanz muss von der Stadt ausgegangen seien, als Francisco Pizarro mit seinem Gefolge am 15. November 1533 kampflos in Cusco einritt. Die Hauptstadt des riesigen Inkareiches, es erstreckte sich vom heutigen Ecuador bis nach Chile und Argentinien und hatte eine Nord-Südausdehnung, die der Entfernung vom Nordkap bis nach Sizilien entsprach, war die damals prunkvollste Stadt in Südamerika. Sie war das rituelle und politische Machtzentrum des Reiches und zugleich Schnittpunkt aller Straßen, Schnittpunkt des Weltlichen und Heiligen und Mittelpunkt des Inkareiches. Sie war der Nabel der Welt, was Cusco in der Inkasprache Quechua bedeutet.

Die heutige Plaza de Armas hieß damals Huacaypata, sie war von Tempeln, Palästen und Regierungsgebäuden umgeben und nahezu doppelt so groß wie heute. Der Platz war von einer massiven goldenen Kette umspannt. Die meisten Tempel und Paläste waren außen mit Goldblechen und -platten verziert und belegt, das Inka-Heiligtum Qoricancha zusätzlich auch noch von innen. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem Gold und erzeugten den Glanz einer Märchenstadt. Da die Inka kein Geld kannten, hatten auch Gold und Silber für sie keinen materiellen, sondern nur einen kultischen Wert. Gold galt als „die Schweißperlen der Sonne“ und Silber als „die Tränen des Mondes“. Pizarro hatte da ganz andere Wertvorstellungen. Er ließ die Kultgegenstände der Inka aus dem ganzen Reich zusammentragen und schmolz sie ein. Wochenlang liefen die Schmelzöfen, bis die geraubten 180.000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber eingeschmolzen waren. Die ganze Stadt Cusco, damals ein städtebauliches Juwel, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Welcher Frevel hier begangen wurde, zeigt die Schilderung des spanischen Chronisten Pedro Cieza de Leon, der seine Eindrücke von der alten Inkastadt schilderte: "Und keine Stadt des Imperiums hatte einen so vorzüglichen Stadtplan wie Cuzco, die Hauptstadt des ganzen Reiches und Sitz des Herrschers. Die Straßen waren lang, allerdings schmal, und die Häuser aus reinem Stein gemacht mit ganz vorzüglichem Fugenwerk. Vor allem waren es riesige und sehr sorgfältig zusammengesuchte Steine. Außerdem gab es den prächtigen und feierlichen Sonnentempel, der geschmückt war mit Gold und Silber aus allen Teilen des Reiches."

Die perfekte Baukunst machte es den Spaniern zunehmend schwer die prächtigen Gebäude zu zerstören, und so wurde teilweise auf den alten Fundamenten der Inka die neue Kolonialstadt Cusco aufgebaut. Die spanischen Baumeister waren denen der Inka unterlegen. Immer wieder mussten in den nachfolgenden Jahrhunderten die kolonialspanischen Gebäude nach Erdbeben wieder neu aufgebaut werden, während die erdbebensicheren Inkamauern bis heute allen Beben standhielten. Wie Legobausteine waren die großen Steinblöcke verzahnt, verbolzt und so perfekt behauen, dass in die mörtellosen Spalten keine Rasierklinge passte. An vielen Stellen in Cusco, so an den Grundmauern des ehemaligen Palastes des Inka Roca in der Calle Hatunrumiyoc oder an den Überresten des Inka-Sonnenheiligtums Qoricancha, auf die man die Kirche und das Kloster Santa Domingo gebaut hat, konnten wir diese perfekte Baukunst bewundern und den krassen Gegensatz der spanischen und der Inka-Steinmetzarbeiten besonders gut vergleichen.

In ganz Lateinamerika wurden indigene Kulturen zerstört und ihre Schätze geraubt, aber in Cusco erscheint es uns am dramatischsten. Darüber konnte auch die Schönheit der heutigen Kolonialstadt Cusco nicht hinwegtäuschen. Weitere drei Tage verbrachten wir in Cusco, besichtigen die Kathedrale, Museen, Kirchen, Klöster und prächtige Kolonialbauten, und immer wieder stießen wir auf Zeugnisse der Inka. Den Höhepunkt der Inkakultur hatten wir jedoch noch vor uns.

20.04.2011 – Machu Picchu - geheimnisvolle verlorene Inkastadt

Unser zweitägiger Ausflug nach Machu Picchu begann in Cusco. Wir fuhren durch das heilige Tal der Inka, das Valle Sagrado, nach Pisac. Zwischen steilen Felswänden und schneebedeckten Bergen befand sich hier ein wichtiges landwirtschaftliches Zentrum. Die Inka bauten terrassenförmige Felder bis zu den Bergspitzen, auf denen sie Mais und Kartoffeln anbauten. 20 verschiedene Sorten Mais und 3000 Sorten Kartoffeln kannten die Inka und ständig wurden neue Sorten entwickelt und an die spezifischen Anbaubedingungen angepasst. Die Terrassenfelder hatten ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, welches bis heute funktioniert und genutzt wird. Zur Aufbewahrung der Ernte wurden spezielle luftdurchflutete Lagerhäuser gebaut, die wir in Pisac, aber auch an vielen anderen Stellen im Valle Sagrado sehen konnten.

Über dem Ort Pisac und den Terrassenfeldern thronte eine stolze Inkafestung. Leider war nicht mehr sehr viel davon zu erkennen, die Festung ist eine Ruine und wir brauchten viel Fantasie, um uns die damaligen Verhältnisse vorstellen zu können. Ähnlich sah es in Ollantaytambo aus. Obwohl sich der Grundriss dieser Stadt seit der Inkazeit fast nicht verändert hat und es die einzige noch erhaltene Inkastadt ist, die aus Steinen erbaut wurde, war für uns nicht mehr viel von der einstigen Hochkultur zu erkennen. Schon eher sehenswert war die Festung Ollantaytambo, die sich wie ein Adlerhorst über der Stadt und den steilen Terrassen an einen mächtigen Bergsporn schmiegt. Neben den rein militärischen Aufgaben, wie dem Schutz des Valle Sagrado, hatte die Festung, wie auch die in Pisac, eine kultische Bedeutung. In den Festungen gab es jeweils auch monumentale Tempel. Für den, nicht fertiggestellten, Tempel in Ollantaytambo wurden Steinblöcke von bis zu 50 t Gewicht verwendet. Es ist kaum vorstellbar, wie die Baumeister der Inka diese riesigen Steinblöcke, ohne Benutzung von Rad oder Flaschenzug, vom Steinbruch auf der anderen Seite des Tales über den steilen Berg hinauf bis hierher transportiert haben. Aber Pisac und Ollantaytambo waren nur eine fade Einstimmung auf das, was uns am nächsten Tag erwartete.

Mit dem Zug, der einzigen Möglichkeit nach Machu Picchu zu kommen, wenn man mal von den verschiedenen Trails absieht, fuhren wir von Ollantaytambo durch das Tal des Rio Urubamba nach Aguas Calientes, der Endstation der Eisenbahnstrecke. Aguas Calientes, auch als Machu Picchu Pueblo bekannt, ist ein Ort, der zu 100 % vom Tourismus lebt. Manche sagen, es ist eine der hässlichsten und teuersten Kleinstädte Perus, aber für alle, die nach Machu Picchu wollen, führt kein Weg an diesem Ort vorbei. Auch wir verbrachten hier eine Nacht, um am nächsten Morgen ganz früh die geheimnisvolle Inkastadt zu besuchen.

Mit einem der ersten Busse fuhren wir die steile Serpentinenstraße zur verborgenen Inkastadt hinauf und mussten feststellen, dass trotz dieser frühen Stunde schon Hunderte Menschen am Eingang zu Machu Picchu warteten. Die Eingangskontrolle ging aber zügig vor sich und nach wenigen Minuten standen wir oberhalb von Machu Picchu - und sahen nichts. Der für diese Jahreszeit typische Nebel verdeckte die Sicht und ließ uns die Dimensionen dieses Ortes nur erahnen. Unser Tourguide, der uns zwei Stunden durch die eindrucksvolle Stadt führte, beruhigte uns. Er meinte, „nach 10.00 Uhr ist der Nebel verschwunden“, und er hatte recht.

Viel könnte man schreiben, über die Perfektion der 216, mit unzähligen Treppen verbundenen, steinernen Häuser, dem Wassersystem oder den magischen Intiwatana-Stein, der für den Sonnenkult der Inka eine ganz besondere Bedeutung besaß. Für uns jedoch war die Betrachtung von Machu Picchu als Gesamtbauwerk am eindrucksvollsten. Lange saßen wir am Mirador, dem höchsten Punkt der Stadt, und ließen das Panorama der Stadt und des dahinterliegenden steilen Felsens, des Huaynapicchu, auf uns wirken. Besonders die geheimnisvolle Atmosphäre der Stadtanlage und die harmonische Verbindung von Natur und Architektur sind einmalig. Zurecht wird Machu Picchu als eine der eindrucksvollsten archäologischen Stätten Südamerikas bezeichnet.

Die Fähigkeit der Inka-Baumeister war für uns nur am sichtbaren Stadtbild zu erkennen. Ihre wahre Leistung liegt jedoch unter der Erde verborgen. Die, auf einem begradigten Felsplateau errichtete Stadt hält sich, mit ihren künstlich errichteten Terrassen, selbst in der Waage. Aber genau hier tickt die Zeitbombe. Nach Berechnungen der UNESCO sind 800 Besucher täglich die absolute Höchstgrenze, um keine bleibenden Schäden an diesem einmaligen Kulturgut zu hinterlassen. In der Hochsaison drängen sich aber bis zu 4000 Touristen täglich durch die engen Gassen und die steilen Treppen von Machu Picchu. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass die Hänge des Berges pro Monat um 1 cm abrutschen. Über kurz oder lang könnte das zu einem katastrophalen Erdrutsch, im schlimmsten Fall sogar zur Zerstörung von Machu Picchu führen. Die zerstörerische Kraft der Menschenmassen wurde uns dann gegen Mittag bewusst. Mit dem Frühzug angekommen strömten Tausende Tagestouristen in die alte Inkastadt und holten uns in die Wirklichkeit zurück. Jeder Felsvorsprung, jeder Mauerrest der Ruinen wurde erklommen, um das schönste Foto mit nach Hause nehmen zu können. Das Aufsichtspersonal war völlig überfordert und diesem Massenansturm nicht gewachsen. Für uns wurde es Zeit diesen mystischen Ort, der jetzt eher einem Ameisenhaufen glich, mit einmaligen Eindrücken zu verlassen.

Machu Picchu ist der größte Devisenbringer für den peruanischen Staat. Eine Beschränkung der Besucherzahlen ist derzeit sehr unwahrscheinlich und so hoffen wir, dass die Bezeichnung ‚Machu Picchu - die verlorene Stadt’, nicht in einem ganz anderen Sinne wahr werden wird.

25.04.2011 – Titicacasee - Puno und die schwimmenden Inseln der Uro

Wir fuhren auf einer guten Teerstraße von Cusco in Richtung Puno am Titicacasee. Die Straße folgt auf diesem Teilstück der alten Inka-Straße NAN CUNA. Über 5200 km lang, verlief diese Straße einst von Kolumbien bis nach Chile. 8 Meter breit und zum größten Teil befestigt war sie eine weitere Meisterleistung der Inka-Baukunst. Das Inka-Straßensystem betrug mehr als 20.000 km und hatte seine Kreuzungspunkte in Cusco. Viele dieser Straßen werden heute noch genutzt oder stellen, mit einem Asphaltbelag versehen, moderne Verkehrsverbindungen dar.

Hinter Cusco umgab uns Natur pur. Die Straße folgte dem Rio Vilconata und verlief durch ein wildromantisches Hochgebirgstal, umgeben von hohen, teilweise schneebedeckten Bergen. Auf eine Hochebene hinter Sicuani stiegen Dampfwolken aus der grünen Wiese auf. Über 400 heiße Quellen treten bei dem Ort, der Aguas Calientes genannt wird, aber in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Eisenbahnhaltepunkt ist, an die Oberfläche. In dem einfach angelegten Thermalbad relaxten wir bis zum späten Abend und durften, gut bewacht, auf dem Gelände des Thermalbades die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen machte mich ein Hinweisschild auf den kleinsten Vulkan der Welt neugierig. Ob diese Aussage stimmt oder ob es wieder eine Touristenfalle ist, konnten wir nicht zweifelsfrei klären. Auf alle Fälle war es interessant, auf den kleinen Steinhügel zu klettern und das blubbernde heiße Wasser zu beobachten, das hier, aus den Tiefen der Erde an die Oberfläche trat.

Nur wenige Kilometer weiter überquerten wir, in einer Höhe von 4338 Meter, den Pass „Punto Culminanta“. Er ist die südamerikanische Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik. Nördlich des Passes befindet sich die Quelle des Rio Vilcanota, dessen Verlauf wir seit Cusco gefolgt waren, und der in den Amazonas und damit in den Atlantik fließt. Alle südlich des Passes entspringenden Flüsse münden in den Pazifik. Hinter der Passhöhe beginnt der Altiplano, die zwischen 3500 und 4000 Meter gelegene andine Hochebene. Sie zieht sich von hier über den Titicacasee bis weit nach Bolivien hinein. Die Fahrt wurde nun etwas eintöniger, die Straße verlief schnurgerade bis zum Horizont. Etwas abseits sahen wir wieder eisbedeckte Berge, wie den 5433 Meter hohen Cunurana. Hunderte, am Straßenrand weidende Alpacas und Lamas lockerten die Eintönigkeit etwas auf.

Kurz vor Puno passierten wir die Provinzhauptstadt Juliaca. Sie hinterließ bei uns einen schlechten Eindruck. Es war die dreckigste und verkommendste Stadt unserer bisherigen Reise. Müllberge lagen am Straßenrand, abgemagerte Hunde suchten im Abfall nach Essensresten und an der Einfahrt zur Umgehungsstraße war so ein großes Loch, dass ein vor uns hineingefahrener Geländewagen nicht aus eigener Kraft wieder herauskam. Wir waren froh, als wir diese schmutzige Stadt hinter uns gelassen haben und nach wenigen Kilometern Puno erreichten.

Puno ist auch nicht gerade das, was man als eine schöne Stadt bezeichnen würde, aber ihre Lage, direkt am Titicacasee, dem höchsten schiffbaren See der Welt, machte sie für uns interessant. Auf dem Parkplatz des Luxushotels Posada del Inka fanden wir einen ruhigen und sicheren Stellplatz. Von hier war es nicht weit zur Innenstadt und zu dem kleinen Hafen, von dem aus wir am nächsten Morgen einen Ausflug zu den schwimmenden Inseln der Uro starteten.

Obwohl das Volk der echten Uro heute ausgestorben ist, der letzte reinrassige Uro starb wahrscheinlich um das Jahr 1958, versuchen ihre Nachfahren die Uro-Kultur zu erhalten. Natürlich wird heute vieles extra für Touristen arrangiert. Trotzdem war es hochinteressant, zu sehen, wie die Uros völlig unabhängig auf ihren Schilfinseln lebten und das Totora-Schilf in vielfältigster Weise ihre Lebensgrundlage bildete. Nicht nur die Inseln selbst waren aus Totora-Schilf, auch ihre Häuser, ihre Boote und viele Haushaltsgegenstände wurden aus dem Schilf gefertigt. Darüber hinaus lebten auf speziellen Inseln auch Schweine, Rinder und Hühner, die sich ausschließlich von dem Schilf ernährten. Die Uros nutzten das Schilf sogar als Nahrungsquelle und wir haben es ausprobiert, es war wirklich süß und schmackhaft.

Durch ihre autarke Lebensweise auf dem See war das Volk der Uro das Einzige, was von den Inka zu keiner Zeit unterworfen wurde. Die Uro verteidigten ihre Unabhängigkeit und waren stolz darauf.

Am Nachmittag besichtigten wir noch das Motorschiff Yavari, das am Bootsanleger unseres Hotels festgemacht war und als Museumsschiff die Geschichte der Binnenschifffahrt auf dem Titicacasee anschaulich dokumentierte. Am interessantesten für uns war jedoch die Geschichte, wie das Schiff zum Titicacasee gekommen ist. 1862 in England gebaut wurde es in Arica/Chile in seine Einzelteile zerlegt, mit der Eisenbahn nach Tacna gefahren und von dort mit einer Maultier- und Lamakarawane zum Titicacasee transportiert. Dort setzte man das Schiff wieder zusammen und für mehr als 100 Jahre verrichtete die Yavari ihren Dienst auf dem See.

Am nächsten Morgen fahren wir die Panoramastraße, immer am Ufer des Sees entlang, in Richtung Bolivien. Es war keine weite Strecke und wir freuten uns schon darauf, am frühen Nachmittag in Copacabana zu sein. Wieder einmal kam alles anders. Anfangs wunderten wir uns noch über die vielen Steine, die auf der Straße lagen. Wahrscheinlich, so dachten wir, waren sie von den steilen Hängen neben der Straße herabgestürzt. Dann waren die Steine schon zu kleinen Haufen aufgeschichtet, die unsere Weiterfahrt blockierten. Noch konnten wir uns den Weg selbst freiräumen, bis dann eine richtige Straßensperre die Weiterfahrt unmöglich machte. Es war der Beginn einer Protestaktion, die in den nächsten Wochen weite Bereiche des südlichen Perus erfasste und in Aggressivität und Übergriffen mündete. Wir hatten Glück und konnten nach circa 5 h die Straßensperre passieren. Auf den letzten Kilometern bis zum Grenzübergang nach Bolivien waren noch einige halbherzige Blockaden aufgebaut, die wir aber schnell zur Seite räumen konnten. Am späten Nachmittag passierten wir ohne Probleme die Grenze zu Bolivien.

Dienstag, 24. Mai 2011

13.02.2011 – 31.03.2011: Ecuador – kleines Land mit großer Vielfalt


14.02.2011 – Bei Graham in Ibarra

Die Grenzpassage zwischen Kolumbien und Ecuador war die unkomplizierteste unserer bisherigen Reise. Der Grenzbeamte füllte sogar das Einreiseformular für uns aus und die Fahrzeugeinfuhr war nach weniger als 10 Minuten erledigt. Auf kolumbianischer Seite war die Grenze durch schwerbewaffnetes Militär gesichert, hier in Ecuador machte alles einen freundlichen und zivilen Eindruck.

Kurz hinter der Grenze dann die nächste positive Überraschung. Gleich an der ersten Tankstelle in Ecuador wollten wir tanken. Da es in Grenznähe immer etwas teurer ist, meinte Petra, ich sollte erst mal nur für 20 US-Dollar tanken. Nach reichlich 19 US-Dollar schaltete die Zapfpistole ab. Es war unglaublich, der Tank war voll. Hier in Ecuador kostete die Gallone Diesel (also knapp vier Liter) gerade mal einen US-Dollar. Eine tolle Begrüßung in einem Land, das uns in den folgenden Wochen immer wieder positiv beeindruckt hat.

Auf ordentlichen Straßen fuhren wir bis Ibarra, der ersten größeren Stadt im Norden Ecuadors. Hier wollten wir uns einige Tage aufhalten, um wieder Ordnung in „Haushalt“ und „Büro“ zu bekommen. Zuviel war in den letzten Wochen liegen geblieben und bei Graham war der beste Platz, um diese Dinge zu erledigen. Schon in Mexiko hatten wir von Mario und Ingo den Tipp bekommen, unbedingt bei Graham, einem unwahrscheinlich netten Typ, vorbeizufahren. Graham, ein Australier, betreibt seit 6 Jahren oberhalb von Ibarra eine Gärtnerei. Selbst früher viel gereist freut er sich jetzt über Besuch von Travellern in seinem kleinen Paradies.

Zwischen gepflegten Rasenflächen mit kunstvoll geschnittenen Koniferen und Ziersträuchern fanden wir einen idealen Stellplatz mit Strom, Wasser, Internet, Dusche, Küchen- und Waschmaschinenbenutzung. Für Rucksackreisende hat er ein uriges Gästezimmer eingerichtet – und für das alles nimmt er kein Geld. Wir fühlten uns sehr wohl, und als er uns für einen Ausflug sein Motorrad anbot und seinen Pickup überließ war uns klar, Graham ist ein ganz besonderer Mensch. Darauf angesprochen wurde er verlegen und meinte, das sei doch ganz normal.

Wir haben uns für seine Gastfreundschaft mit kleinen Geschenken, einer Einladung zum Abendessen in ein gutes Restaurant und mit vielen gemeinsamen Abenden bei deutscher Küche, Bier und Wein am Lagerfeuer, bedankt. Grahams Gastfreundschaft hat sich gut rumgesprochen, und so waren wir selten allein in der Gärtnerei. Die längste Zeit verbrachten wir mit Daniela und Armin, zwei Deutschen, die mit ihren Rädern von Caracas gekommen sind und sehr anschaulich von ihren bisherigen Erlebnissen berichteten.

Ohne solch ein schützendes Zuhause, wie es unser Hobby uns bietet, waren sie ganz anderen Gefahren ausgesetzt. Am Lagerfeuer erzählten sie uns, wie sie, statt in einem Hotel in einer Stundenabsteige gelandet sind und von ihrer Fastentführung in Kolumbien. Bei solchen Gesprächen können wir nur zuhören, zu berichten haben wir nichts dergleichen, unsere bisherige Reise verlief in dieser Hinsicht glücklicherweise sehr unspektakulär.

Als Petra am Morgen mit starken Zahnschmerzen aufwachte, war es auch wieder Graham, der uns sofort in die Stadt zu seinem Zahnarzt fuhr und ihr einen Termin besorgte. Mit offenem Mund lag sie auf dem Behandlungsstuhl, als der Zahnarzt mich dazuholte. Er zeigte mir die Schmerzursache, veranschaulichte am Computer die möglichen Behandlungsmethoden und sprach alles mit mir ab. Petra, um die es hier ging, wurde überhaupt nicht gefragt. Als ich ihr alles erklärte sah mich der Arzt zweifelnd an. In seiner Machowelt hat eine Frau selbst dann kein Mitspracherecht, wenn es um ihren eigenen Körper geht.

Die Tage bei Graham vergingen wie im Flug. Wir genossen es, mal nicht immer unterwegs zu sein, sondern einige Tage am selben Ort zu verbringen. In letzter Zeit hatten wir uns regelmäßig solch eine Auszeit gegönnt und diesen Reiserhythmus werden wir auch in Zukunft beibehalten.

Wir hatten genügend Zeit, um uns im Internet über unseren geplanten Galapagostrip zu informiert und mit Grahams Hilfe eine Betreuung für Basko zu finden. Unser Wohnmobil konnten wir für diese Tage auch bei Graham stehen lassen. Einen sichereren Platz gab es wohl kaum.

Mit mehreren tausend Dollar in bar bin ich dann nach Quito gefahren, um unsere, im Internet gebuchte Last Minute Reise zu bezahlen – und dann war mir plötzlich unwohl. Ich hatte bei der Reiseagentur eigentlich kein schlechtes Gefühl, aber was ist, wenn es doch Betrüger sind. Das Bezahlen mit Kreditkarte wäre viel sicherer gewesen – aber die hohen Gebühren von fast 10% hatten wieder einmal meine Sparsamkeit geweckt. Hoffentlich geht alles gut.

04.03.2011 – Galapagos – einmalige Tiere und Natur pur

Unser Basko sah uns ungläubig an, hier soll ich bleiben schien er zu denken. Die Hundepension war eine Dachterrasse, die sich unser Basko mit drei weiteren Hunden teilen musste. Jeder hatte seinen eigenen Bereich, aber ein richtiger Auslauf war nicht vorhanden. Petra hätte Basko am liebsten wieder mitgenommen, aber die Besitzerin der „Hundepension“ versicherte uns, jeden Tag mehrmals mit Basko spazieren zu gehen und ihr Mann, ein Tierarzt, ist bei Bedarf immer vor Ort.

Es gab für uns auch kein zurück, Basko musste die Tage irgendwie überstehen. Mit dem Sammeltaxi fuhren wir nach Quito. Das 4-Sternehotel, eine Promotion-Zugabe des Reiseveranstalters, begeisterte uns durch ausgezeichneten Service und Komfort. Es lag mitten im quirligen Zentrum der Stadt. Am Abend bummelten wir durch die Straßen, in denen unzählige Kneipen und Restaurants auf Gäste warteten. Wir fühlten uns wie in Europa - die Stadt ist hier sauber und modern. Unsere Sorge, schlecht schlafen zu können, war auch unbegründet. Gegen Mitternacht wurde es absolut ruhig in der Stadt.

Am nächsten Morgen lief alles wie geplant. Das Taxi stand pünktlich vor dem Hotel und am Flughafen wurden wir schon mit den Bordkarten begrüßt. Unser Gepäck wurde uns abgenommen und eingecheckt und dann verabschiedete sich der „gute Geist“ schon wieder, um anderen Reisenden behilflich zu sein. Um es schon mal vorwegzunehmen, wir waren mit der Reiseagentur vollauf zufrieden und unsere anfänglichen Befürchtungen waren völlig unbegründet.

Der Flug nach Galapagos hatte noch eine Zwischenlandung in Guayaquil, und so flogen wir von Quito zuerst südwärts, über die ecuadorianische „Strasse der Vulkane“. Von unten oftmals durch dicke Wolken verhangen, konnten wir aus der Luft den 5897 Meter hohen Vulkan Cotopaxi und weitere schneebedeckte Gipfel erkennen. Ab Guayaquil nahm unser Airbus Westkurs, und nach 90 Minuten hatten wir die rund 1000 km vom Festland entfernt liegenden Galapagos-Inseln erreicht.

Kurz vor der Landung wurden aller Handgepäckfächer im Flugzeug geöffnet, eine Maßnahme, die ich erst nicht verstanden habe. Dann kamen die Stuarts mit großen Sprühflaschen und nebelten alles ein. Diese Desinfektion und ähnliche Maßnahmen nach der Landung sollen das empfindliche Ökosystem der Inseln schützen, aber seit langem steht fest, dass die jährlichen 170.000 Besucher eine ernstzunehmende Gefahr für die einmalige Pflanzen und Tierwelt darstellen. Seit 2007 stehen die Inseln auf der Roten Liste des gefährdeten UNESCO-Welterbes.

Mit diesen Gedanken im Kopf erreichen wir unser schwimmendes Hotel für die nächsten Tage, den Luxus-Katamaran „Anahi“.

Bei der Kabinenvergabe gab es wieder eine Überraschung für uns. Trotz unserer relativ günstigen Last-Minute-Buchung bekamen wir die Suite des Schiffes zugeteilt. Also auch hier alles bestens. Schon am ersten Nachmittag ging es auf Erkundungstour am Bachas Beach der Isla Santa Cruz. Seelöwen, Land- und Wasserleguane und viele verschiedene Seevögel leben hier. Obwohl dieser erste halbe Tag eher zur Einstimmung gedacht war, begeisterte uns die Tierwelt schon sehr. Besonders die fehlende Scheu der Tiere war beeindruckend. Sie rissen nicht aus, wenn wir uns ihnen näherten und wir hätten die freilebenden Tiere sogar streicheln können – was wir natürlich nicht gemacht haben. Es ist streng verboten. Der erste Schnorchelgang vom Strand aus war dann doch mehr eine Übung. Viel sahen wir dabei nicht, was sich in den nächsten Tagen aber änderte.

In ruhiger See fuhren wir ab Mitternacht zur Isla Genovesa, der nördlichsten Insel des Archipels, die besucht werden darf. Gegen 6 Uhr, also noch vor dem Frühstück, starteten wir in angenehmer Morgenkühle unsere Inselexkursion. Die raue Landschaft der vulkanischen Insel war sehenswert, aber wir waren vor allem wegen der Tiere hierher gekommen. Auf vielen Inseln gibt es Tierarten, die dort endemisch sind, also nur auf dieser einen Insel vorkommen. Dazu zählen vor allem die Riesenschildkröten, bestimmte Arten der Leguane und einige Vogelarten. Auf der Isla Genovesa gibt es eine große Rotfußtölpelkolonie und viele Fregattvögel. Lustig kamen die Tölpelbabys daher. Wie in einen weißen Pelzmantel mit Kapuze gehüllt, saßen sie im Nest und warteten auf das Erwachsenwerden. Die Fregattvögel-Männchen waren zum Teil hinter ihrem aufgeblasenen roten Kehlsack, mit dem Sie den schlichter daherkommenden Weibchen imponieren wollten, kaum zu erkennen.

Nahe der Insel Genovesa liefen wir dann einen guten Schnorchelplatz an. Wir schwammen zwischen unzähligen bunten Fischen, die wir fast mit der Hand fangen konnten - und dann kamen die neugierigen Seelöwen und versuchten mit uns zu spielen. Sie schossen direkt auf uns zu und bekamen im letzten Moment noch die Kurve. Einige waren so zahm, dass wir sie anfassen konnten. Unter Wasser ist es erlaubt und schadet den Tieren nicht. Mit einmaligen Eindrücken kamen wir zurück auf die „Anahi“ und freuten uns auf das Abendessen. Es sollte an diesem Abend etwas ganz Besonderes geben, eine Auswahl an verschiedenen Fleischsorten, Fischen und Meerestieren. Ich glaube heute noch, dass es ein geschickt eingefädelter Trick der Crew war, denn zwei Stunden vor dem Dinner haben wir in stürmischer See die Anker gelichtet. Unser Katamaran schlingerte gewaltig bei dem starken Seegang und setzte immer wieder hart auf den Wellen auf. Petra ging es miserabel und auch viele andere Mitreisende hatten Probleme. Von 15 Passagieren waren gerade mal vier zum Abendessen erschienen. Da blieb genug für die zehnköpfige Crew übrig.

Nach Mitternacht hatten wir die windgeschützte Bucht vor der Isla Plaza erreicht und konnten noch einige Stunden schlafen. Die Isla Plaza und die daneben liegende Isla Santa Fe sind bekannt für ihre endemischen Leguane. Diese Spezies gibt es nur hier und sie sahen wirklich aus wie aus einer anderen Zeit. Es sind echte Urechsen, mit einem Rückenkamm und stacheligem Nacken. Ihre Gesichter sahen manchmal aus, als ob sie schmunzelten. Ich empfand diese Reptilien als die schönsten Tiere von Galapagos. Sie waren so fremd und geheimnisvoll, so unwirklich und doch real.

An manchen Stränden konnten wir kaum mit dem Boot anlanden, weil so viele Seelöwen und Pelzrobben den Strand bevölkerten. Wenn wir ihnen zu nahe kamen, dann haben sie uns unmissverständlich klar gemacht, wer hier der Hausherr und wer der Gast ist. Da hieß es schnell die Flucht ergreifen.

An den nächsten Tagen setzte sich das Programm in ähnlicher Weise fort. Exkursionen auf den verschiedenen Inseln und in der Mittagshitze die interessanten Schnorchelausflüge im kühlen Wasser - so verging die Zeit viel zu schnell.

Von der Isla San Cristobal startete dann, nach sechs Tagen, unser Flieger zurück nach Quito. Trotz der hohen Kosten waren wir froh, diesen Trip gemacht zu haben. Es war absolut beeindruckend und hochinteressant. Sicher werden in den nächsten Jahren, wenn der Schutz dieses einmaligen Naturwunders höher stehen wird als der Kommerz, größere Restriktionen den Besucherandrang reduzieren. Vielleicht wird es dann gar nicht mehr möglich seien, die Inseln zu besuchen.

13.03.2011 – Mitad del Mundo - der Mittelpunkt der Welt?

Zurück in Ibarra erlösten wir als erstes unseren Basko aus seinem „Hundegefängnis“. So schlecht scheint es ihm aber doch nicht gegangen zu sein, denn er hatte in den wenigen Tagen sichtlich zugenommen. Noch zwei weitere Tage blieben wir bei Graham, dann hielten wir es kaum noch aus. Wir wollten endlich weiterfahren. Auf dem Weg nach Quito überquerten wir, nun schon zum wiederholten Male, den Äquator. Nahe der kleinen Gemeinde San Antonio de Pichincha wurde das berühmte Äquatordenkmal „Mitad del Mundo – Mittelpunkt der Welt“ errichtet. Inmitten von Restaurants und touristischen Verkaufsstellen steht es genau an der Stelle, die im Jahre 1736 von einer französischen Expedition als genaue Position des Äquators bestimmt wurde. Eine gelbe Linie markiert den angeblichen Äquator, und vielen Besuchern des Monuments machte es Spaß, mit einem Schritt von der Süd- auf die Nordhalbkugel zu wechseln oder breitbeinig auf beiden Hälften der Erde zu stehen. Die Fotoapparate klickten und die Beschriftung wies die Linie als nullten Breitengrad aus. Nur wenige wissen, dass der wirkliche Äquator über 200 m weiter nördlich verläuft. Die französischen Forscher hatten eine leicht fehlerhafte magnetische Messmethode verwendet und sich schlichtweg vermessen.

Am wirklichen Äquator steht das sehr interessante Museo de Sitio Inti Ñan, das von einer privaten anthropologischen Stiftung betrieben wird. Verblüffend ist die Tatsache, dass die indianischen Ureinwohner den genauen Verlauf des Äquators kannten. Einige ihrer einfachen geographischen Messgeräte sind hier ausgestellt. Noch unglaublicher ist, dass selbst in der Pre-Inka-Zeit der genaue Verlauf des Äquators bekannt war. Ein über 1000 Jahre altes Bauwerk, welches den exakten Verlauf des Äquators markiert, wurde vor wenigen Jahren auf dem Berg Catequilla entdeckt.

Neben den Exponaten indianischer Kulturen konnten wir auf dem Museumsgelände auch Äquatorexperimente durchführen. Das durch einen Trichter abfließende Wasser hat wirklich auf der Südhalbkugel eine andere Strudelrichtung als auf der Nordhalbkugel. Genau auf der Äquatorlinie fließt das Wasser ganz glatt durch die Öffnung ab. Diese, von Coriolis entdeckte Gesetzmäßigkeit ist auch der Grund dafür, dass es am Äquator fast immer windstill ist. Ein Fluch für die Seefahrer in früheren Zeiten.

Auch das Aufstellen eines Hühnereies auf einen Nagel wäre am Äquator, durch den sich aufhebenden Magnetismus, leicht zu bewältigen – aber das ist auch eine Unwahrheit. In Wirklichkeit schafft es kaum jeder zehnte, das Ei auszubalancieren. Genau so schwierig war das Balancieren mit geschlossenen Augen auf der Äquatorlinie – eine fast unlösbare Aufgabe. Wir liefen rum wie betrunken und konnten kaum einen Schritt vor den anderen setzen.

Mit diesen lustigen Eindrücken verlassene wir das etwas versteckt liegende Museo de Sitio Inti Ñan. Ohne dieses Museum hätte sich die Fahrt zum Mitad del Mundo nicht gelohnt.

15.03.2011 – Quito - schöne Stadt mit schlechtem Ruf

Noch auf der Fahrt nach Quito waren wir unentschlossen, ob wir uns diese chaotische Großstadt antun wollen, oder ob wir die Stadt auf der westlichen Umfahrung schnell hinter uns lassen. Quito ist, neben Guayaquil, die gefährlichste Großstadt Ecuadors. Neben den wenigen Superreichen, die sich in ihren gut bewachten Wohngebieten verbarrikadieren, leben in der Stadt und vor allem am Stadtrand hunderttausende arme Menschen, deren einzige Überlebenschance in der Kriminalität besteht. Auf Grund der Überfüllung aller Gefängnisse in Ecuador wurde die Kriminalitätsschwelle bei 300 US $ festgelegt. Alle Eigentumsdelikte unter 300 US $ werden nicht verfolgt. Solch ein Freibrief macht die Stadt bestimmt nicht sicherer und ist ein Beleg für die Unfähigkeit von Polizei und Justiz.

Trotz dieser Insiderinformationen von Graham und seinen Warnungen, besonders vorsichtig zu sein, haben wir uns dann doch für Quito entschieden. Die Stadt, in 2850 Meter Höhe gelegenen, zwängt sich in ein schmales, nur wenige Kilometer breites Hochtal. Die Nord- Süd-Ausdehnung beträgt dafür fast 50 km. Unsere anfänglichen Bedenken, wegen des chaotischen Verkehrs, waren unnötig. Auf breiten Straßen mit guter Fahrbahnmarkierung und Ampelregelung rollten wir in die Neustadt und fanden auch schnell einen 24-Stunden Parkplatz, auf dem wir für die nächsten zwei Tage sicher stehen konnten.

Den Nachmittag haben wir genutzt, um die Neustadt (Mariscal) zu erkunden. Interessant war für uns, dass nach Einbruch der Dunkelheit kein Auto mehr am Straßenrand geparkt wurde. In der Nacht hörten wir in der Ferne Polizeisirenen und vereinzelte Schüsse. Die Hinweise zur Sicherheit waren wohl doch berechtigt.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Metrobus in die Altstadt. Der Bus war brechend voll und wir wussten, dass dies die beste Voraussetzung für die Diebe und Taschenaufschlitzer ist. Wir versuchten, mit dem Rücken an der Wand des Busses zu stehen und hatten unseren auf die Brust geschnallten Rucksack fest im Griff. Trotzdem waren wir froh, an der Endstelle unbeschadet angekommen zu sein.

Die Altstadt war durch starke Präsenz der Touristenpolizei weitestgehend sicher. Trotzdem wurden wir bestimmt zehnmal von Polizei und Zivilisten angesprochen, unsere Kamera nicht offen zu zeigen, was natürlich nicht ganz leicht ist, wenn man fotografieren möchte. Und in Quitos Altstadt gab es viel zu besichtigen und zu fotografieren. Seit 1979 steht das Centro Historico auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes, und seit der Jahrtausendwende wurde noch mal vieles grundlegend rekonstruiert. Viele Baudenkmäler Quitos, meist sind es Kirchen, Klöster und katholische Orden, stammen noch aus der spanischen Kolonialzeit. Den Mittelpunkt der Altstadt bildet die Plaza de la Independencia, um die sich die Kathedrale, der Regierungspalast, der Palast des Erzbischofs und das Rathaus platzieren.

Seit dem frühen Morgen lief ein Demonstrationszug durch die Stadt, Ziel war der Präsidentenpalast. Hier wurden Fahnen geschwenkt und wir hörten vereinzelte Sprechchöre. Insgesamt hatte diese Demonstration aber eher Volksfestcharakter. Die Teilnehmer packten ihre Picknickkörbe und Kühltaschen aus, sie standen in kleinen Gruppen zusammen, diskutierten und ließen es sich schmecken.

Wir ließen den Platz mit den Demonstranten hinter uns, besichtigten Kathedrale und Nationalmuseum und bummelten durch das Gassengewirr der Altstadt. Zwei architektonische Leckerbissen hatten wir uns noch aufgehoben. Die Kirche San Francisco mit dem angeschlossenen Kloster gilt als größter und ältester Sakralbau der kolonialen Epoche Quitos. Die Wände und Säulen sind vollständig mit reich verzierten Holztäfelungen verkleidet. Leider wurde die Kirche gerade rekonstruiert, und so konnten wir nur einen flüchtigen Blick durch ein Seitentor und von der Empore aus in die Kirche werfen.

Anders bei der Jesuitenkirche La Compañía de Jesús. Hier war alles für uns zugänglich – jedoch mit der Einschränkung, dass Fotos nicht erlaubt waren. Wie soll ich mit diesem Verbot den nicht mehr steigerungsfähigen Glanz in dieser Kirche dokumentieren. Der gesamte Kircheninnenraum ist, mit Ausnahme der steinernen Säulenverzierungen, komplett mit 23-karätigem Blattgold belegt. Über sieben Tonnen Gold sollen verwendet worden sein. Wenngleich es etwas überladen wirkt ist der Prunk in dieser Kirche einmalig. Natürlich habe ich trotz Verbot einige Schnappschüsse ohne Blitz gemacht, sodass man einen Eindruck von dieser verschwenderischen Golddekoration bekommt.

Wir wollten unser Glück in Quito nicht überstrapazieren und haben uns für die Heimfahrt ein Taxi genommen. Quito war auf alle Fälle einen Besuch wert.

19.03.2011 – In Amazonien

Wir kamen recht gut aus Quito raus, wenn auch nicht ganz legal. In südöstlicher Richtung haben wir einen Tunnel durchfahren, der für unser Wohnmobil verboten war. Das erfuhren wir aber erst an der Mautstation am Tunnelausgang. Wir stellten uns mal wieder unwissend und verstanden natürlich kein Wort. Der Polizist gab es bald auf und wünschte uns eine gute Fahrt. Durch Quitos Vorstädte fuhren wir weiter in Richtung Oriente, wie der Osten des Landes hier genannt wird. Dann stieg die Straße bis auf 4000 m an, unser bisheriger Höhenrekord. In einem schönen Tal, umgeben von teilweise schneebedeckten Bergen, liegen die Thermen von Popallacta. Hier verbrachten wir den ganzen Nachmittag in den unterschiedlich temperierten Becken des Thermalbades. Ich war danach so ausgelaugt, dass mir schon ein kleines Bier in den Kopf gestiegen ist. Nach einem leckeren Abendessen, Petra hatte die letzten eingefrorenen Forellen aus Silvia gebraten, sind wir noch einmal in die Therme gegangen. Es war schon dunkel und wir waren fast die einzigen Badegäste um diese Zeit. Alles war stimmungsvoll und sparsam beleuchtet und der Sternenhimmel über uns leuchtete mit ganzer Kraft. Gut, dass wir mit unserem Wohnmobil direkt neben der Therme standen, so dass wir dann schnell in unser warmes Bett steigen konnten.

Am nächsten Tag fuhren wir durch eine herrliche Bergwelt, immer an reißenden Gebirgsflüssen entlang, in Richtung Regenwald. Es wurde zunehmend feucht und neblig. Der Wald wirkte sehr exotisch, er zeigt sich in einer fast unwirklich grünen Farbe mit dicken Nebelschwaden in den Tälern. Der wolkige Himmel war durch das Abendlicht rötlich gefärbt.

In Misahualli, einem etwas trostlosen Dschungeldorf, beginnt das große Amazonasbecken. Hier fließt der Rio Misahualli in den Rio Napo, der dann in Peru in den Amazonas mündet. Auf dem Marktplatz trieben freche Affen ihr Unwesen, deren schönste Beschäftigung es war, den Touristen das Essen, ihre Brille oder Ihre Mütze zu stehlen und diese Dinge mit hoch in die Bäume zu nehmen. Unter den erschrockenen Blicken der Bestohlenen wurde dann alles so weit zerlegt, bis es unbrauchbar war. Wir wussten von der Unart dieser Affen und haben keinen an unser Eigentum herangelassen.

Über eine schmale Hängebrücke, gerade mal so breit, dass wir mit unserem Hobby durchkamen, überquerten wir den Rio Napo und fanden einen Stellplatz in einer kleinen Dschungel-Lodge. Der nächste Morgen begrüßte uns mit Regen – typisch Regenwald. Wir gingen in den Ort, um uns über Dschungeltouren zu informieren. Eine Tagestour auf dem Rio Napo sollte für uns zwei 150 US Dollar kosten – zu viel für diese Tour. In einem Hostal trafen wir Sonja und Thomas, zwei deutsche Backpacker. Im Gespräch wurde die Zeit nicht lang und dann hörte der Regen endlich auf. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, vielleicht können wir selbst eine Tour organisieren.

Für den Abend hatten wir uns etwas ganz Besonderes vorgenommen. Wir gingen mit Leo, einem Indio, in den Dschungel. Es ist unglaublich, wie viele Pflanzen und deren Wirkung er kannte. Für fast jedes Leiden wächst im Dschungel ein Kraut. Dann sahen wir Schmetterlinge, riesige Heuschrecken, Taranteln und eine kleine Boa. Die Geräusche im nächtlichen Regenwald waren einmalig.

Am nächsten Tag trafen wir uns mit Sonja und Thomas. Wir haben uns gemeinsam ein Motorkanu gemietet und unsere kleine Tour auf dem Rio Napo selbst organisiert. Mit 60 US Dollar für das ganze Boot bezahlten wir nur 1/5 von dem, was die Reiseagentur uns abknöpfen wollte. Wir fuhren auf dem Rio Napo flussabwärts, vorbei an kleinen Siedlungen der Indianer, zur Tierauffangstation Amazoonico. Hier hat sich die Schweizerin Angelika Raimann, zusammen mit ihrem ecuadorianischen Ehemann, einen Lebenstraum erfüllt. In einem kleinen Freilandzoo, umgeben von 600 Hektar Primärwald, werden gefährdete Tiere aufgezogen und wenn möglich wieder ausgewildert. Viele dieser Tiere, darunter Tapire, ein Ozelot, verschiedene Affen, Schlangen, Krokodile und exotische Vögel, wurden nicht artgerecht als Haustiere gehalten oder vom Zoll beschlagnahmt. Der illegale Tierhandel ist immer noch ein einträgliches Geschäft. Manche Tiere müssen immer in Amazoonico bleiben. Sie haben sich schon so sehr an die Menschen gewöhnt, dass Sie in der Wildnis nicht überleben würden.

Auf der Rückfahrt besuchten wir noch ein typisches Dschungeldorf. Der Dorfschamane bot uns seine Dienste an. Eine Reinigungsprozession würde aus uns ganz neue Menschen machen. Ich dachte sofort, das wäre ja das Richtige für Petra – aber sie lehnte ab. Schade! Zurück in unserer Dschungel-Lodge sitzen wir noch lange bei Kerzenlicht vor dem Wohnmobil und lauschen den exotischen Geräuschen des Regenwaldes.

24.03.2011 – Südliches Ecuador

Unserer Abfahrt in Misahualli verzögerte sich dann doch noch ganz ungewollt. Durch den tagelangen Regen war die Wiese, auf der wir standen, stark aufgeweicht und unser Wohnmobil schon 10 cm eingesunken. Die Räder drehten sich durch, das Profil setzte sich mit Schlamm zu und unser Hobby wühlte sich immer tiefer in den weichen Boden. Es ist mir bis heute ein Rätsel, woher plötzlich die 10 bis 12 Männer kamen, aber Leo hatte unser Problem erkannt und diese Mannschaft zum Schieben zusammengetrommelt. Ehe ich mich versah waren die Räder freigeschaufelt, Steine untergebaut und unser Wohnmobil mit vereinten Kräften rausgeschoben. Ich schreibe dies deshalb so ausführlich, weil es ganz typisch für Lateinamerika ist. Man hilft sich untereinander und diese Hilfsbereitschaft erlebten auch wir als Ausländer und Gäste immer wieder.

Die weitere Fahrt durch das südliche Ecuador zeigte uns noch mal die Schönheit und Vielfalt dieses Landes. Schneebedeckte Berge, Schluchten und Täler, Wasserfälle und reißende Flüsse. In Baños, einem Wallfahrtsort, umgeben von hohen Bergen und Vulkanen, verbrachten wir noch einige Tage. Das angenehme Klima in 1800 Meter Höhe, die warmen Thermalquellen der Stadt und die außergewöhnliche schöne Landschaft machten Baños zu einem gefragten Touristenort. Der über der Stadt thronende Vulkan Tungurahua stellt seit einigen Jahren wieder eine echte Gefahr dar. Im Oktober 1999 musste die Stadt sogar komplett evakuiert werden. Seit dieser Zeit ist er immer aktiv gewesen, aber weder Touristen noch Einwohner lassen sich davon stören.

Das touristische Angebot in Baños ist einzigartig in Ecuador. Die unzähligen Agenturen haben alles im Angebot, was Erholung, Abenteuer oder auch den gewissen Kick bieten soll. Diesen Kick erlebte die Dresdner Studentin Julia, die wir beim Bungee Jumping trafen, ganz sicher. Sie schwärmte von dem einmaligen Adrenalinstoß und versuchte mich zum Springen zu überreden. Ein einziger Blick über das Geländer der Brücke San Francisco und der Gedanke, hier runter springen zu müssen ließen meine Knie weich werden. Nein, ich bin nicht gesprungen. Stattdessen sind wir an diesem Nachmittag mit einem geländegängigen Buggy zum Vulkan Tungurahua gefahren. Es war eine tolle Fahrt. Ohne auf Steine, Querrinnen oder Löcher zu achten, konnte ich einmal so fahren, wie es mir Spaß macht. Leider versteckte sich der Tungurahua hinter dichten Wolken. Zurück im Hotel Monte Selva, wo wir einen guten stadtnahen Stellplatz hatten, aalten wir uns noch ein letztes Mal im mineralhaltigen Vulkanwasser der hoteleigenen Therme.

Auf unserer weiteren Fahrt durch den landschaftlich einmaligen Süden Ecuadors kamen wir nach Vilcabamba. Hier führen die zwei deutschen Brüder Dieter und Peter Schramm eine Hosteria, die ihresgleichen sucht. Auf einem naturbelassenen Grundstück über dem Ort haben sie ein Panoramarestaurant, idyllische Cabañas und einen Wohnmobil-Stellplatz gebaut. Alles war gepflegt und sauber und im Restaurant gab es deutsche Gerichte und deutsches Bier – also mehr als ein Grund, einige Tage hier zu verbringen. Etwas traurig verabschieden wir uns nach drei Tagen von Dieter und seiner Mutter, die gerade einige Wochen hier zu Besuch war. Sie waren nette Gastgeber und interessante Gesprächspartner.

Unserer Zeit wurde langsam knapp, wir hatten nur noch zehn Tage, um bis nach Lima zu fahren. Unsere Tochter Katharina würde es uns nicht verzeihen, wenn wir sie nicht pünktlich am Flughafen abholen würden. Auf den letzten Kilometern bis zur Grenze wurde uns noch einmal bewusst, wie schön Ecuador ist. Obwohl nur ein kleines Land, besticht es mit einer landschaftlichen Vielfalt, die wir so bisher kaum erlebt haben. Dazu kommt, dass Ecuador ein relativ sicheres, sauberes und geordnetes Land ist. Nicht ohne Grund haben auch viele deutsche Auswanderer Ecuador zu ihrer zweiten Heimat gemacht. Wir haben uns in Ecuador sehr wohl gefühlt, uns sogar etwas in dieses Land verliebt.


Mittwoch, 23. März 2011

28.12.2010 – 12.02.2011: Durch Kolumbien


29.12.2010 – Zweimal Schlamm war genug

Wir konnten es kaum erwarten. Nach den Weihnachtsfeiertagen ging unsere Reise endlich weiter. Unser erstes Ziel war die Halbinsel Barú, südwestlich von Cartagena gelegen. Die Vororte von Cartagena, durch die wir uns in langsamer Fahrt quälten, waren eng, etwas heruntergekommen und chaotisch – wobei Letzteres vor allem den Verkehr betraf. Busse, Trucks und Pickups hatten sich die Strasse schon untereinander aufgeteilt. Dazwischen kurvten in waghalsiger Fahrt, jede kleine Lücke ausnutzend, unzählige Mopeds und Motorräder und dann gab es noch die Händler mit ihren schweren Holzkarren, die den Wahnsinn perfekt machten.

Nur wenige Kilometer weiter wartete die nächste Herausforderung des Tages auf uns. Wir mussten auf einer Autofähre zur Halbinsel Barú übersetzen, wobei die Fähre nur eine schwimmende Plattform war, an der ein kleiner Kahn mit einem Außenbordmotor angebunden war. Mit höchster Drehzahl kämpfte der sichtlich unterdimensionierte Motor gegen die Strömung des Flusses an, und brachte uns dann doch irgendwie an das gegenüberliegende Ufer. Den Gedanken, was beim Ausfall des Motors alles hätte passieren können, haben wir nicht zu Ende gedacht.

Die Schotterstraße zur Spitze der Halbinsel, wo auch der berühmte Strand Playa Blanca liegt, war so schlecht zu befahren, dass wir unseren Zeitplan völlig überzogen haben. Auf dem Gelände eines Militärpostens fanden wir einen sicheren Stellplatz, bis dann am nächsten Morgen, Punkt 06:00 Uhr, das lautstarke Leben auf dem Gelände begann und damit auch für uns die Nacht vorbei war.

Die weitere Fahrt zum Traumstrand fand an der abzweigenden Zufahrt zum Playa Blanca ihr Ende. Die Straße war, auf Grund des Regens der letzten Tage, eine einzige Schlammpiste. Meine Erkundung zu Fuß brachte die Gewissheit, hier fahren wir mit unserem Hobby nicht rein. Petra war anfangs etwas enttäuscht, aber das Risiko im weichen Schlammboden stecken zu bleiben war uns einfach zu groß. Wir wendeten und fuhren die Holperpiste bis zur Fähre zurück, setzten zum anderen Ufer über und passierten auf unserer Fahrt nach Nordosten nochmals Cartagena.

Jetzt waren es nur noch 50 km bis zum Vulkan Lodo El Totumo, einem der kleinsten Vulkane der Welt, der durch seine Besonderheit trotzdem zur Weltattraktion wurde. Auf einer Holzstiege erklommen wir den Gipfel des nur 15 Meter hohen Vulkans und blickten in den Krater. Was wir hier zu sehen bekamen war schon außergewöhnlich. Der Vulkankrater war ausgefüllt mit cremigem Schlamm und Menschen, die sich darin mit großer Begeisterung suhlten. Zum Teil waren sie völlig im Schlamm untergetaucht und hatten sich dann nur Augen und Mund frei gerieben.

So überrascht, wie hier dargestellt, hatte uns der Anblick natürlich nicht. Wir waren ja gerade wegen dem wohltuenden und heilenden Schlamm hierher gekommen und konnten es kaum erwarten, auch in den Schlammkrater zu steigen. Es war ein ganz außergewöhnliches Gefühl! Der lauwarme cremige Schlamm fühlte sich an wie Schlagsahne, und nach wenigen Augenblicken hatten wir uns an dieses besondere Bad gewöhnt und fanden es sehr wohltuend. Unter uns befanden sich 2000 Meter Schlamm, aber es bestand keine Gefahr unterzugehen. Aufsteigende Gase, die blubbernd an der Oberfläche austraten, sorgten für einen solch starken Auftrieb, dass wir uns im Schlamm kaum senkrecht halten konnten. Unsere Beine wurden wie durch Geisterhand nach oben gedrückt. Nach dem ausgiebigen Schlammbad spülten wir uns in der nahegelegenen Lagune den Schlamm vom Körper, duschten im Hobby und fühlten wir uns wie neugeboren.

30.12.2010 – An der Karibikküste

Wir fuhren weiter nach Nordosten, immer an der Karibikküste entlang. Hinter Barranquilla, in einem sumpfigen Gebiet zwischen Lagunen und dem offenen Meer, liegt das Städtchen Ciénaga. Hier hatte es seit April fast pausenlos geregnet und weite Teile der Stadt in einer braunen stinkenden Brühe versinken lassen. Rechts und links der Straße standen die ärmlichen, fast vollständig überfluteten Hütten. Die Bewohner hatten jedoch keine andere Bleibe und lebten weiterhin in diesen baufälligen Behausungen oder unter einer Plane auf den Dächern ihrer Häuser. Barfuß wateten sie durch den angeschwemmten Schmutz, in dem auch ihre Kinder spielten. Manche hatten das Glück, einen alten Kahn zu besitzen, mit dem sie ihr Haus erreichen konnten.

An der Straße standen unzählige Bewohner dieses Katastrophengebietes, vor allem Frauen und Kinder, die versuchten, von den Autofahrern einige Kleinigkeiten zu erbetteln. Wir waren sehr bedrückt über diese Situation, wollten helfen. Bei einer Familie hielten wir an und gaben ihnen eine warme Decke, zwei Handtücher und einige Pesos. Es war wohl keine wirklich gute Idee, denn nach wenigen Augenblicken war unser Auto von etwa 20 Personen umringt, die ebenfalls etwas abhaben wollten. Sie bedrängten uns regelrecht, und ihre gierigen Blicke ins Innere des Wohnmobils verhießen nichts Gutes. Von allen Seiten kamen weitere Menschen auf uns zu, so dass wir mit Hupe und hoch drehenden Motor nur noch die Flucht ergreifen konnten. Betroffen und nachdenklich fuhren wir weiter. „Wie kann man bei dieser großen Not helfen? Jede Spende ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Wir hofften, dass wenigstens von den hohen Mautgebühren etwas bei diesen Menschen ankommt. Einige Tage später erfuhren wir aus der Neujahrsansprache des kolumbianischen Präsidenten Santos, dass die Regenfälle und Überschwemmungen im ganzen Land alles Bisherige übertroffen haben. Die Bilanz ist schrecklich: 296 Tode, 2,16 Millionen Betroffene, 1,32 Millionen Hektar fruchtbares Land überflutet und 3353 Häuser zerstört. Santos benannte die Schadenssumme mit annähernd 6 Milliarden US$ und verglich die aktuelle Katastrophe mit der in New Orleans, als Hurrikan Katrina die Stadt überflutete. Er stellte aber auch ein umfangreiches Hilfsprogramm vor, welches auch den Menschen in Ciénaga aus ihrer Not helfen wird.

Nach einigen Tagen auf dem ruhigen und abgelegenen Campingplatz Casa Grande und im Nationalpark Tayrona zog es uns noch mal nach Santa Marta. In Rodadero fanden wir ein schönes Plätzchen, nahe dem Strand und der Stadt. Das Wetter war ideal: blauer Himmel und eine leichte Brise bei 30 Grad. In Santa Marta leben auch einige Deutsche. In Giselas Eiscafe waren wir bald Stammgäste und mit Eugenia und Volker, einem kolumbianisch-deutschen Paar, verbrachten wir manche Stunde mit interessanten Gesprächen.

Unser Hobby erzeugte überall Aufmerksamkeit. Oft wurden wir von Kolumbianern gefragt, ob sie ein Bild vom Wohnmobil und vom Innenraum machen dürften, und sie staunten dann immer über die Ausstattung und den Komfort. Selbst die örtliche Presse hatte sich angemeldet, und wir beantworteten gern die Fragen zu unserer Reise und zum Mobil.

11.01.2011 – Durch die Ostkordilleren

Mit Santa Marta und Umgebung hatten wir den nördlichsten Punkt unserer Südamerikareise erreicht. Die Straße nach Süden verläuft am Fuße der Ostkordilleren, im Osten liegt das Gebirge und im Westen eine weite Hochebene, auf der Rinderherden und Pferde friedlich grasten.

In El Copey übernachteten wir auf dem Parkplatz der örtlichen Polizei. Unser Wohnmobil war an diesem Tag wieder einmal die Hauptattraktion im Ort. Bis spät am Abend kamen die Frauen der Polizisten mit ihren Kindern und bewunderten unser Auto. „Con cocina, baño y frigirífico“ (mit Küche, Bad und Kühlschrank) hörten wir sie flüstern und das Staunen nahm kein Ende.

Gestaunt haben auch wir am nächsten Tag, als wir mit unserem undichten hinteren Reifen an einer Reifenflickerei hielten und sahen, wie schnell und professionell der Reifen repariert wurde. Die ganze Großfamilie stand dabei und beobachtete jeden Handgriff. Nach der obligatorischen Frage nach dem woher und wohin war das Interesse wieder groß. Mit vielen guten Wünschen und einem freundlichen Schulterklopfen wurden wir verabschiedet.

In San Alberto mussten wir eine Entscheidung treffen. Hier beginnt die alte Gebirgsstraße durch die Ostkordilleren nach Bogota und auch eine alternative Schnellstraße. Die landschaftlich schönere Gebirgsstrecke war seit den schweren Regenfällen im Dezember gesperrt, weil Brücken weggespült und die Straße durch gewaltige Erdrutsche verschüttet wurde. Nach der offiziellen Information im Internet war die Straße immer noch nicht passierbar. Vor Ort, in San Alberto, bekamen wir jedoch an der Tankstelle und bei der örtlichen Polizei die Auskunft, dass wir schon durchkommen würden. Wir haben es riskiert und sind die Gebirgsstrecke gefahren. Die ersten 50 Kilometer waren sehr angenehm zu fahren, die Straße führte mit leichter Steigung in die Berge. Vor dem Ort El Playón staute sich dann der Verkehr, man sagte uns, dass an der Straße gearbeitet wird und das Passieren der Baustelle jeweils nur kurzzeitig in einer Richtung möglich ist. In einer Stunde sollte der Verkehr freigegeben werden. Aus dieser einen Stunde wurden dann sechs und es war schon dunkel, als sich die Fahrzeugschlange so langsam in Bewegung setzte. Weit sind wir aber nicht gekommen. Nach 4 Kilometern war im Ort El Playón schon wieder Schluss. Wir standen direkt neben einer Tankstelle und einen freien Parkplatz gab es auch. Ohne lange zu überlegen fuhren wir rechts raus und parkten unseren Hobby für die Nacht ein. In der angrenzenden Gaststätte gab es Würstchen vom Holzkohlegrill und kaltes Bier, so dass der Tag noch einen guten Abschluss nahm.

Am nächsten Morgen, kurz nach 5:00 Uhr, stand der Tankwart mit zwei Tinto (starken schwarzen Kaffee) vor unserer Tür und klopfte uns aus dem Schlaf. Unsere Richtung sollte in wenigen Minuten freigegeben werden. Schnell waren wir angezogen und bereit zum Start. Die Trucker auf der Straße hatten es nicht so gut wie wir. Sie mussten im Sitzen schlafen und immer bereit sein, einige Meter weiterzufahren. Langsam setzte sich die Kolonne in Bewegung. Schon an der ersten Baustelle sahen wir das Ausmaß dieser Naturkatastrophe. Nur provisorisch war die Straße von den meterhohen Schlammmassen frei geräumt, Häuser waren verschüttet oder zerstört, weil sie dem Erddruck nicht standgehalten haben. Auf den nächsten 50 Kilometern eine ähnliche Situation, dann wurden die Straßenverhältnisse wieder stabiler, wir waren umgeben von Berggipfeln und tiefen Tälern. Immer weiter schraubte sich die Straße, bis auf über 3000 Meter, in die Höhe. An vielen Stellen hatten wir spektakuläre Ausblicke. Tief unten schlängelte sich der Fluss im Licht der tief stehenden Sonne, wie ein silbernes Band, durch das Tal. In exponierter Lage wurde der Nationalpark Chicamocha gegründet und zwischenzeitlich in einen Erlebnispark ausgebaut. Für uns war nur der Parkplatz mit der atemberaubenden Aussicht auf den Cañon von Interesse, wo wir den Tag mit einem einmaligen Panoramablick beendeten und eine ruhige Nacht verbrachten.

16.01.2011 – Historisches Villa de Leyva

Man sagt, in Villa de Leyva ist die Zeit stehengeblieben, und wenn man durch die kopfsteingepflasterten Straßen dieser Stadt läuft und sich die historischen Gebäude betrachtet, dann kann man das nur bestätigen. Es ist eine kleine, aber absolut authentische Kolonialstadt, die fast vollständig in ihrer historischen Bausubstanz erhalten geblieben ist. Moderne Architektur sucht man vergebens. Rund um den Plaza Mayor, es ist der größte seiner Art in Kolumbien, stehen besonders eindrucksvolle Kolonialhäuser mit wunderschönen Innenhöfen, in denen sich heute Restaurants oder Cafés befinden.

Wir ließen uns durch die holprigen Gassen treiben und fühlten uns um Jahrhunderte zurückversetzt. Nichts störte den historischen Eindruck, sah man mal von den vereinzelt die Straße entlang holpernden Autos ab. Am Plaza Mayor setzte sich die Illusion fort, auch hier Mittelalter pur.

Der Platz war voller Menschen. Eine Gruppe Bauern in einfacher Leinenkluft und mit zerrissenen Strohhüten auf dem Kopf, stand in angeregtem Gespräch beieinander. Die Fäuste waren zum Protest erhoben und zeigten in Richtung Rathaus. In aufwändig gestickten Kleidern und unter aufgespannten Sonnenschirmen liefen hier die Damen der besseren Gesellschaft, begleitet von Herren in feinen Anzügen, vorüber. Das Rathaus wurde von Soldaten mit unförmigen Musketen bewacht.

Für den historischen Film, der hier gerade gedreht wurde, war die Stadt eine ideale Kulisse. Wir standen noch einige Zeit an der Plaza und betrachteten das Spektakel, als wir freundlich auf Deutsch angesprochen wurden. „Seid Ihr mit dem Hobby unterwegs?“. Vor uns standen Peter und Ruth, ein Schweizer Paar auf Südamerikatrip. Die Beiden kamen von Süden und hatten viele gute Tipps für uns. Leider wollten sie am nächsten Morgen weiterfahren, so dass wir uns noch am selben Abend auf dem netten und sauberen Campingplatz am Ortsrand trafen und unsere Erfahrungen austauschten. Gut, dass wir auch immer gleich die GPS-Daten bekamen, so dass es später ein Leichtes war, die interessanten Orte oder guten Übernachtungsplätze zu finden. Ein entsprechendes Gerät mit den Karten von Südamerika hat heute fast jeder Reisende dabei.

Mit Michele und Reto, einem weiteren Schweizer Paar, verbrachten wir noch einige Tage in Villa de Leyva. Das milde Klima und das historische Flair dieser Stadt begeisterten uns immer wieder aufs Neue. Dann verließen wir Villa de Leyva mit dem gemeinsamen Ziel Zipaquira.

25.01.2011 – Eine Kathedrale – ganz aus Salz

Erst am Abend kamen wir in Zipaquira an. Michele und Reto waren schon da und hatten uns einen Parkplatz vor dem Museum freigehalten. Hier standen wir sicher und recht ruhig.

Am nächsten Tag waren wir die ersten Besucher am Eingang zur Salzkathedrale, so dass wir den englischsprachigen Guide fast für uns allein hatten. Er wusste alles über die Salzgewinnung in diesem Bergwerk und den Bau der zwei Salzkathedralen. Die erste musste wegen Einsturzgefahr im Jahre 1992 für Besucher geschlossen werden. In 5-jähriger Bauzeit wurde ab 1990 die neue Salzkathedrale aus dem Salzgestein gehauen. Ein Kreuzgang mit 14 Stationen führte uns immer tiefer in den Berg hinein, bis wir staunend in der dreischiffigen Kathedrale standen. Mit 120 Meter Länge, 22 Meter Höhe und ca. 8000 Quadratmeter Fläche ist sie fast so groß wie der Kölner Dom. Bis zu 8000 Besucher haben in dieser monumentalen Kathedrale Platz. Im Innern besteht alles aus Salzkristall. Selbst die filigranen Engel und Madonnenstatuen sind aus Salz gemeißelt.

Es war für uns ein beeindruckendes Erlebnis, durch die Kathedrale, die kleinen Kapellen und den Kreuzgang zu wandeln und die Dimension dieser unterirdischen Kathedrale, sie zählt zu den größten religiösen Bauwerken der Welt, auf uns wirken zu lassen. Dabei haben die gezielt eingesetzten Lichteffekte die Wirkung noch verstärkt.

Beim anschließenden Spaziergang durch die nette kleine Altstadt von Zipaquira lauerte an jeder zweiten Ecke die Versuchung. ‚Carne asado’ ist der Begriff für lecker gewürztes Rind- und Schweinefleisch, welches auf einem Spieß am offenen Feuer gebraten wurde. Ich konnte dieser Versuchung nicht widerstehen und hatte mich dann mit der riesigen Portion knusprigen Fleisches fast übernommen. Gut, dass Basko auch ‚Carne asado’ mag, so dass wirklich nichts übrig geblieben ist.

28.01.2011 – Über die Zentralkordilleren zur Panamericana

Von Zipaquira aus fuhren wir auf der Umgehungsstraße um Bogotá herum und dann weiter westwärts. Die als ‚La Linea’ bezeichnete Querverbindung zwischen Bogotá und Armenia war eine Herausforderung für unser Wohnmobil und unsere Nerven. Im dichten LKW-Verkehr ging es bis auf über 3000 Meter in die Berge und dann wieder ins Tal der Zentralen Kordilleren. Die Kurven sind auf dieser Bergstrecke so steil, dass die großen Trucks die gesamte Gegenfahrbahn benötigten, um weit genug ausscheren zu können. Anwohner regelten an diesen unübersichtlichen Kurven den Verkehr und hofften, damit einige Pesos zu verdienen.

Im Tal, auf etwa 200 Meter Höhe angekommen war es drückend heiß und schwül. Die großen Parkplätze von öffentlichen Schwimmbädern oder von Hotels wären die idealen Übernachtungsplätze gewesen, aber dieses Klima wollten wir uns für die Nacht nicht antun. Nach Ibaqué stieg die Straße wieder an und die Temperaturen wurden erträglich – nur einen Übernachtungsplatz fanden wir nicht. Die schmale Straße schmiegt sich dicht an die Berghänge und lässt keinen Platz für Parkplätze oder Tankstellen. Auf keinen Fall wollten wir in der Dunkelheit auf dieser gefährlichen Straße weiterfahren. Wir hatten uns schon fast damit abgefunden, direkt neben der Straße zu übernachten, als uns wieder einmal der Zufall zu Hilfe kam. Eine kleine Gruppe der kolumbianischen Armee hatte auf einem ebenen Platz neben der Straße einen Kontrollposten errichtet und freute sich über die Abwechslung. Natürlich durften wir neben dem gepanzerten und bewaffneten LKW übernachten, aber erst einmal waren unzählige Fragen über unsere Reise und unser Wohnmobil zu beantworten. Mit frischem Obst und Gemüse als Gastgeschenk kam dann noch die ganze Familie von einer nahegelegenen Finca und lud uns für den nächsten Tag zur Besichtigung ein.

Kurz nach dem Frühstück stand der Patron, das Familienoberhaupt, am Wohnmobil und führte uns zu seiner Finca. Auf dem fast unzugänglichen Gelände am Steilhang wurden Bananen, Mandarinen, Tomaten, Kaffee und Kakao angebaut. Besonders die Bananenernte war sehr mühsam. Mit einem trittsicheren Pferd wurden die Stauden auf schmalen Pfaden nach oben transportiert. Die am sonnigen Hang, völlig ohne chemische Düngung, gewachsenen Bananen waren ein Genuss für uns. Um uns eine Freude zu machen, schenkte uns der Patron eine ganze Bananenstaude und wies jede Form einer Bezahlung energisch zurück. Mit einer Tafel Schokolade für das jüngste Familienmitglied und einigen Büchsen Bier bedankten wir uns.

Wie schnell die noch grünen Bananen in unserem warmen Stauraum reiften und wie lange wir drei; ja, auch Basko bekam jeden Tag eine Banane, an der Staude zu kauen hatten, ahnten wir damals noch nicht. Wir verschenkten Bananen, wo es ging, und hielten uns tapfer. Noch lange danach konnten wir keine Bananen mehr ersehen und bei freundlichen Geschenken dieser Art sind wir jetzt auch viel zurückhaltender.

01.02.2011 – Unverfälschte Kleinstädte und beeindruckende Landschaften

Armenia ist eine recht schmucklose Verwaltungshauptstadt. Die meisten älteren Gebäude wurden durch Erdbeben so stark beschädigt, dass sie abgerissen und nüchternen Neubauten weichen mussten. Anders als die Stadt ist die Umgebung jedoch sehr sehenswert. Nur eine Stunde fuhren wir mit dem Wohnmobil bis Salento, es kam uns aber so vor, als hätten wir eine Zeitreise in die Vergangenheit gemacht. Schöne alte Häuser, in denen sich Geschäfte, Restaurants und Hotels befinden, umgeben den zentralen Marktplatz. Mit ihren buntbemalten Eingangstüren und Balkonen sind sie typisch für diese Gegend. Auch in den Nebenstraßen stört kein Neubau das Gesamtbild dieser Kleinstadt und die über 50 Jahre alten, für den öffentlichen Verkehr unverzichtbaren, Willy-Jeeps passen genau hier her.

Östlich von Solento erstreckt sich das beeindruckende Valle de Cocora, welches uns mit seinen ausladenden grünen Tälern und bewaldeten Berggipfeln fast an die deutschen Mittelgebirge erinnerte, wären da nicht die bis zu 30 Meter hohen Wachspalmen gewesen. Diese Palmen sind die eigentliche Attraktion des Tales und viele Tagestouristen kommen nur deshalb in das kleine Dorf Cocora, welches lediglich aus ein paar Häusern und 3 Restaurants besteht. Am Restaurant „Bosque de Cocora“ fanden wir einen idyllischen Stellplatz für die Nacht und einen guten Ausgangspunkt für unsere Wanderung ins Tal.

Am nächsten Tag überwanden wir, auf abenteuerlichen Hängebrücken und auf quergelegten Baumstämmen, mehrmals den Rio Quindío und wanderten immer weiter hinein in das wildromantische Tal. Dann, an einer zusammengebrochenen Hängebrücke war Schluss, wir mussten umkehren. Abgekämpft und müde kamen wir erst spät abends zum Hobby zurück und hatten überhaupt keine Lust mehr selbst zu kochen. Stattdessen ließen wir uns die hervorragenden Lachsforellen, eine Spezialität aus dem Valle de Cocora, im Restaurant schmecken und gingen früh schlafen.

Am nächsten Tag stand noch Filandia, eine ähnlich schöne Stadt wie Salento, auf unserem Plan, bevor wir auf der Panamericana weiter südwärts fuhren.

07.02.2011 – Silvia - das Zentrum der Guambiano- Indigenas

Etwas abseits der Panamericana, hoch oben in den Bergen der Zentralkordilleren, liegt Silvia. Die Kleinstadt ist das Zentrum der Guambiano, einem der traditionellsten Indianervölker Kolumbiens. Die Indigenas leben in der Umgebung der Stadt und kommen immer dienstags zum Markttag nach Silvia, um Früchte, Gemüse und handwerkliche Arbeiten zu verkaufen und sich mit allen lebensnotwendigen Dingen einzudecken. Es ist der bunteste Indiomarkt in Kolumbien. Überall sahen wir die Indigenas, die mit Stolz ihre traditionellen Röcke, Blusen und die knapp sitzenden Hüte trugen. Auch die Männer kamen in Röcken daher, aus denen ihre stacheligen nackten Waden herausschauten. Einige machten auf dem Marktplatz ihre Geschäfte während ihre Frauen, in handgewebten Kleidern und mit Perlenketten geschmückt, handwerkliche Dinge herstellten.

Wir saßen am Marktplatz und konnten uns kaum satt sehen, an diesem Fest der Farben und der fremden Kultur. Alles wirkte auf uns wie ein Schauspiel – es war aber das reale Leben in Silvia. Zum realen Leben der Guambiano gehört, neben allen Traditionen, aber auch das allgegenwärtige Mobiltelefon oder ein Motorrad. Ganz so weit hinter dem Berg leben auch die Indigenas in Kolumbien nicht mehr.

10.02.2011 – Durch den gefährlichen Süden Kolumbiens

Auf unserer weiteren Fahrt nach Süden besuchten wir Popayan, eine der schönsten alten Städte Kolumbiens. 1537 gegründet, entwickelte sie sich, nicht zuletzt wegen des milden Klimas in 1800 Meter Höhe, zu einem wichtigen politischen, religiösen und kulturellen Zentrum. Im Jahre 1983 wurden die meisten historischen Gebäude bei einem Erdbeben ernsthaft beschädigt oder zerstört. Der detailgetreue und kostspielige Wiederaufbau dauerte 20 Jahre, das Ergebnis rechtfertigt aber diesen Aufwand. Die Altstadt mit ihren ausschließlich weißen Gebäuden ist heute ein Schmuckstück. In den Straßen pulsierte das Leben und dank des hohen Studentenanteils wirkte die Stadt jung und frisch.

Nach unserem Stadtspaziergang verliefen wir uns hoffnungslos in den vielen Gassen und fanden unseren Wohnmobilparkplatz nicht wieder. Die Gegend, abseits der Altstadt, wurde immer schäbiger, die Läden waren geöffnet, aber vergittert, so dass man nicht hineingehen konnte. Der Kauf wurde durch das Gitter abgewickelt. Zwei Männer, die uns als Touristen erkannt haben, sprachen uns an und warnten uns davor hier weiterzugehen. Eine eindeutige Geste ihres Zeigefingers am Hals und die beschwörenden Worte „Peligroso“ (Gefährlich) machten uns Angst. Unglücklicherweise hatten wir keine Adresse unseres Parkplatzes mit, so dass ein Taxi auch keine Lösung gewesen wäre. Wir gingen den ganzen Weg zur Altstadt zurück und erkannten unseren Fehler. Am symmetrisch aufgebauten Parque Caldas waren wir in die falsche Richtung gelaufen. Jetzt wurden uns die Straßen wieder vertraut und nach wenigen Minuten saßen wir im Hobby und ließen uns den leckeren Kuchen aus Popayan schmecken.

Südlich von Popayan wurde die Landschaft wild und ursprünglich. Tiefe Schluchten und kaum zugängliche Berge erschwerten die Besiedlung. Auf der Straße war kaum Verkehr. An einer Polizeikontrolle wurden wir rausgewinkt und aufgefordert, die Panamericana nicht zu verlassen. Die wenigen Dörfer abseits der Straße sind, wie auch das gesamte Gebiet, ein letztes Schlupfloch der Terrororganisation FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Columbia), die in den letzten Jahren für den schlechten Ruf Kolumbiens in der Welt gesorgt hat.

An einem Schwimmbad verbrachten wir die Nacht. Hier trafen wir Juan, einen 25-jährigen Soldat der kolumbianischen Armee. Auch er warnte uns vor der FARC und zeigte uns seine vernarbten Schussverletzungen. Dreimal wurde er schon im Kampf gegen die Terroristen verletzt.

Mit einem mulmigen Gefühl fuhren wir die letzten 250 Kilometer durch den nicht ganz ungefährlichen Süden Kolumbiens. In der Grenzstadt Ipiales blieben wir noch einen Tag. Wir besichtigten die in einer Schlucht liegende neogotische Wallfahrtskirche Santuario De Las Lajas und wurden dann in der Stadt von einem Reporterteam des kolumbianischen Fernsehens angehalten und interviewt. Gut, dass ich mein spanisch-englisches Gestammel nicht selbst sehen musste, der Reporter war aber begeistert und versprach, einen guten Bericht daraus zusammen zu schneiden.

Da in Ecuador ein anderes Gasanschlusssystem verwendet wird, versuchten wir noch in Kolumbien unsere fast leere Zweitflasche zu befüllen – aber wir hatten kein Glück. „No hay Gas“ (es gibt kein Gas) stand in großen Lettern an allen Abfüllstationen seit Popayan. In Ipiales gelang es uns dann doch, mit viel Überredungskunst und einigen Dollars, eine gefüllte Flasche aus dem „eisernen Bestand“ zu kaufen. Wir waren erleichtert und das ganze Team von Montangas hatte genug Zeit, um sich das Gassystem unseres Wohnmobils ganz ausführlich erklären zu lassen. Am nächsten Morgen verließen wir Kolumbien.

Zwei Monate haben wir in diesem schönen Land verbracht und ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Wir waren uns erst nicht sicher, ob wir um Kolumbien einen großen Bogen machen sollten und sind heute sehr froh, dass wir uns nicht von kritischen und sicher auch überzogenen Berichten beeinflussen ließen. Während in fast allen Ländern Lateinamerikas die Kriminalität steigt hat es Kolumbien geschafft, die Kriminalitätsrate drastisch zu senken. Die Sicherheit in den Städten und auf den Hauptstraßen ist durch eine hohe Polizei- und Armeepräsenz jederzeit gewährleistet.

Kolumbien ist ein sauberes, modernes und sehr schönes Land. Die Menschen sind herzlich und aufgeschlossen. Sie leiden unter dem schlechten Ruf, den Kolumbien im Ausland hat und freuen sich über jeden Tourist, der ihr Land besucht und es von seiner angenehmen Seite kennen lernt.