Samstag, 1. Oktober 2011

25.06.2011 – 20.08.2011: Nordchile – Wüsten, Strände und Bergbauminen


28.06.2011 – Arica und Iquique – zwei Hafenstädte mit historischer Bedeutung

Unser erstes Ziel war Arica, die nördlichste Stadt des Landes. Hier wurde auch unser erster Eindruck von Chile geprägt. Chile ist eines der reichsten Länder Südamerikas und dies war schon in Arica zu sehen. Die Stadt wirkte gepflegt und sauber, fast schon europäisch. Es gibt riesige Shoppingcenter, die keine Wünsche unerfüllt lassen - zumindest für den Teil der chilenischen Bevölkerung, der sich den westlichen Wohlstand leisten kann. Auch in den Außenbereichen der Stadt sahen wir überwiegend ordentliche Wohnhäuser mit Farbe oder Putz an den Außenwänden, also ganz anders als wie wir es von Peru und Bolivien gewohnt waren.

Nachdem wir uns am Geldautomat mit einem sechsstelligen Betrag in Peso (der Kurs liegt bei 1 : 680) versorgt hatten war unser nächstes Ziel der große Supermarkt. Hier gab es wirklich alles, übrigens auch auffallend viele deutsche Produkte, aber zu Preisen, die wir in dieser Höhe auch schon lange nicht mehr bezahlen mussten. Chile ist kein billiges Reiseland. Das galt auch für die oftmals sehr einfachen Campingplätze, die mit 8.000 - 12.000 Pesos pro Nacht einfach zu teuer waren.

Im Norden der Stadt, weit abseits vom Zentrum und den schönen Stränden, gab es einige dieser schlichten Campingplätze, aber die meisten waren jetzt im Winter geschlossen oder sie hatten eine für unser Wohnmobil zu enge Einfahrt. Am Yachthafen fanden wir dann einen guten Stellplatz – zentrumsnah, sicher und vor allem kostenlos. Sogar den Wasseranschluss und das Internet vom Yachtclub konnten wir benutzen. Das Meer brandete von Süden gegen die Mole und der Wind brachte uns den würzigen Geruch des Pazifiks direkt ans Wohnmobil. Ein toller Platz, auf dem wir es dann auch fast zwei Wochen ausgehalten haben. Auch die Stadt hatte einiges zu bieten. Das Zentrum mit der Fußgängerzone, den Shops und Straßencafés lud zum Bummeln und Verweilen ein und einige Gebäude in der Stadt sind richtig berühmt. Gustave Eiffel hatte sich in Arica, 14 Jahre vor dem Bau des Eiffelturms, mit der komplett aus Eisen erbauten Iglesia San Marcos einen Namen gemacht. Auch das alte Zollgebäude von 1874 wurde von ihm entworfen.

Leider hatten wir, was das Wetter an der Küste betraf, falsche Erwartungen gehabt. Die Stadt des ewigen Frühlings, wie Arica auch genannt wird, zeigte sich meist wolkenverhangen. An den wenigen sonnigen Tagen unternahmen wir Ausflüge ins Umland der Stadt oder kraxelten auf den Morro. Dieser, die Stadt mit 110 m überragende Felsmonolith hatte für Arica eine große strategische Bedeutung. Hier oben stand die peruanische Festung zur Stadtverteidigung, die am 7. Juni 1880 von den Chilenen eingenommen wurde. In einem Museum auf dem Morro wurden die Details dieser entscheidenden Schlacht im Salpeterkrieg gegen Peru und Bolivien selbstbewusst dargestellt.

Auch bei unserem nächsten Reisestopp in der ehemals peruanischen Hafenstadt Iquique trafen wir auf Zeugnisse dieser Zeit, und der chilenische Stolz auf den Sieg im Salpeterkrieg war auch hier nicht zu übersehen. Während einer Hafenrundfahrt fuhren wir auch zu der Stelle, wo die Seeschlacht gegen Peru getobt hat. Dass dabei das stolze chilenische Kriegsschiff Esmeralda unter Kapitän Prat versenkt wurde, hatte auf den Kriegsausgang wenig Einfluss. Die zur Schau getragene Freude unseres Reiseführers über den damals gewonnenen Krieg kannte kaum Grenzen, als er bemerkte, dass auch zwei peruanische Familien auf dem Boot waren. Wir fanden es, obwohl wir nur einen Teil seiner Erklärungen verstanden, etwas unpassend und überzogen. Andererseits war dies nur ein Ausdruck des seit dieser Zeit schwelenden Konflikts zwischen Peru/Bolivien und Chile. Chiles Salpeter-und Kupfervorkommen, bis heute die Basis für den Wohlstand des Landes, liegen in genau den Gebieten, die Chile im Salpeterkrieg von Peru und Bolivien gewonnenen hatte. Dazu kommt, dass Bolivien durch den Salpeterkrieg jeglichen Zugang zum Meer verloren hat und immer wieder versucht, heute vor allem mit diplomatischen Mitteln, eine Lösung dafür zu finden.

Bei unserer anschließenden Stadtbesichtigung konzentrierten wir uns vor allem auf den historischen Stadtkern. In der Mitte der Plaza Prat steht der Uhrturm, das Wahrzeichen der Stadt, umgeben vom neoklassizistischen Theater Municipal, dem prunkvollen ersten Gewerkschaftshaus des Landes und den im maurisch-spanischen Stil errichteten ehemaligen Club Español. Dieses, mit blauen Kacheln verkleidete Gebäude aus dem Jahre 1904, in dem sich heute ein vornehmes Restaurant und ein Kasino befinden, ist noch weitestgehend original erhalten. Mit seinen wertvollen Holzvertäfelungen, den alten Möbeln und den schweren Teppichen, versetzte es uns gedanklich in diese Zeit zurück. Die Mitglieder der spanischen Kolonie in Iquique wussten, wie es sich gut leben lässt. Auch auf der vom Plaza Prat abgehenden Avenida Baquedano ist diese alte Zeit noch gegenwärtig. Hier ist ein zusammenhängendes bauliches Ensemble noch so erhalten wie vor 100 Jahren, zur Blütezeit der Stadt. Die Fußwege, noch heute aus Holz, und die hölzernen Häuser mit ihren großen Dachterrassen, sind wohl einmalig in Chile. Das vornehmste und größte Gebäude aus dieser Zeit steht an der Ecke zur Calle O’Higgins. Einen ganzen Block breit erstreckt sich das Palacio Astoreca. Es ist öffentlich zugänglich und enthält noch einige Originalmöbel und Einbauten. Hier konnten wir sehen, wie prunkvoll der Geldadel und die Salpeterbarone in dieser Zeit lebten. Der Wohlstand wurde in den umliegenden Salpeterminen unter fast feudalistischen Verhältnissen erwirtschaftet.

12.07.2011 – Humberstone und Chuquicamata – zwei legendäre Minen in der Wüste

Auf unserer Weiterfahrt ins Landesinnere kamen wir an unzähligen stillgelegten Salpeterminen, den sogenannten Oficinas, vorbei. Die Oficinas waren eine abgeschlossene Welt und diese gehörte de facto den Salpeterbaronen. Alles in den Minen war ihr Eigentum, nicht nur die Abbau- und Verarbeitungstechnik, sondern auch die Häuser der Arbeiter, die Geschäfte, die Kneipen, einfach alles. Bezahlt wurden die Arbeiter mit eigenen Münzen, die nur in der jeweiligen Oficina gültig waren. So wurde gewährleistet, dass die Arbeiter ihre Löhne auch direkt bei Minenbesitzer wieder ausgaben. Die meisten dieser Minen hatten ihren Höhepunkt in den Jahren zwischen 1920 und 1930. Danach wurde der Abbau zunehmend unwirtschaftlich. Das in Deutschland entwickelte chemische Verfahren zur Ammoniaksynthese ermöglichte es, Salpeter wesentlich billiger herzustellen. Nur wenige Salpeterminen überlebten diese Zeit. Eine davon war die 45 km von Iquique entfernt liegende Humberstone-Salpetermine. Sie wurde erst 1961 endgültig stillgelegt. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch in einem so guten Zustand, dass sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Heute steht sie auf der Liste der gefährdeten Kulturstätten weit oben, weil der Verfall dieser alten Salpeterstadt rasend schnell voranschreitet. Die einfachen Unterkünfte, die Verwaltungsgebäude und die technischen Einrichtungen der Mine, ursprünglich nur für eine kurze Zeit errichtet, sind heute in einem sehr baufälligen Zustand. Vieles ist einsturzgefährdet und verrottet langsam. Trotzdem konnten wir uns noch das geschäftliche Treiben in dieser alten Minenstadt, die mit fast 4000 Bewohnern eine der größten Oficinas war, gut vorstellen. Humberstone war in den letzten Jahren auch eine recht moderne Salpeterstadt, hatte sie doch, neben Schule und Krankenhaus, sogar ein eigenes Theater und ein öffentliches, aus einem Schiffswrack gebautes Schwimmbad.

Heute wird in Chile nur noch eine einzige Salpetergrube betrieben. Sie befindet sich in Maria Elena und ist die modernste Salpetergrube der Welt. Wie modern hier alles ist, konnten wir am neu gebauten Arbeiterhotel sehen, auf dessen Parkplatz wir mit unserem Wohnmobil willkommen waren. Klimatisierte Bungalows, Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie Arbeiterrestaurants - alles vom Feinsten. Leider war der Minenkomplex nicht für Besichtigungen freigegeben.

In Calama war die PR-Arbeit der staatlichen Kupfergesellschaft Codelco wesentlich besser. Vom eigens dafür errichteten Informationszentrum starteten zweimal täglich die Besichtigungstouren nach Chuquicamata, der größten offenen Kupfermine der Welt. Die Stadt Chuquicamata selbst ist heute eine Geisterstadt. Sie wurde bis 2004 vollständig evakuiert, weil die gesundheitlichen Belastungen für die Bewohner zu groß waren. Außerdem brauchte man weiteren Platz für die riesigen Abraumhalden, von denen die Stadt jetzt langsam geschluckt wird. Beeindruckend sind die Daten der Mine, die uns stolz erläutert wurden. Die Kupfermine gilt als die größte von Menschen geschaffene Grube, aus der jeden Tag 180.000 t Gestein abgebaut werden. Mit einem elektrolytischen Verfahren werden daraus 2.500 t hochprozentiges Kupfer gewonnen – rund 600.000 t im Jahr. Eindrucksvoll waren auch die großen Muldenkipper, übrigens aus deutscher Produktion. 107 dieser Monster sind derzeit im Einsatz. 400 t Gestein kann so ein Truck laden und auf seinen 4 m hohen Rädern aus der Mine transportieren. Was nicht zur Sprache kam, waren die massive Zerstörung der Umwelt und die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Minenarbeiter. Ihre überdurchschnittlich gute Bezahlung macht das gesundheitliche Risiko nicht wett, viele erkranken an Staublunge, Asthma oder Krebs. Der allgegenwärtige Feinstaub und das mit Arsen und weiteren giftigen Chemikalien verunreinigte Grundwasser sind der Preis, der für die lukrative Ausbeutung des größten Kupfervorkommens der Welt bezahlt wird.

24.07.2011 – San Pedro de Atacama – Wüstendorf und Tourismuszentrum

Obwohl wir uns schon seit Arica in der Atacamawüste befanden, hatten wir mit San Pedro de Atacama den Mittelpunkt der Wüste, oder zumindest das touristische Zentrum der Atacama, erreicht. Hier ist die Wüste am eindrucksvollsten und auch am trockensten. Im Jahresmittel fällt hier nur 1/50-stel der Regenmenge, die im Death Valley (USA) gemessen wird. Das heißt, die Niederschlagsmenge ist praktisch gleich null. In diesem trockenen Gebiet kann der Mensch nur in den wenigen Oasen überleben. San Pedro ist so eine Oase, mitten in der Wüste. Hier siedelten schon vor circa 11.000 Jahren die ersten Atacameños, die Ureinwohner der Atacamawüste. Sie betrieben bescheidene Landwirtschaft und Tierzucht.

Auch heute noch besteht das Dorf vorwiegend aus einstöckigen Lehmhäusern und staubigen unbefestigten Straßen - aber der Tourismusboom der letzten Jahre hat dafür gesorgt, dass sich in fast jedem dieser Lehmhäuser ein Restaurant, ein kleines Hotel oder eine Reiseagentur befindet. Aus dem verschlafenen Andendorf ist ein touristisches Standardziel geworden, welches auf keiner Reiseroute im Norden Chiles fehlen darf. Die schnelle Entwicklung hatte auch ihre unangenehmen Nebenwirkungen. Hohe Preise, zwielichtige Touranbieter und Touristennepp gehörten hier zum Alltag. Nach zwei Tagen in San Pedro hatten wir genug davon. Die wundervolle Umgebung der Stadt war unser nächstes Ziel, und anders als die vielen anderen Touristen mussten wir keine überteuerten Touren buchen, sondern konnten mit unserem Hobby alles selbst anfahren. Das Valle de la Luna beeindruckte uns mit den in Jahrmillionen durch Erosion geschaffenen Figuren aus Sand, Salz und Lehm. Am Salar de Atacama verbrachten wir einen ganzen Tag, beobachteten Flamingos, die in der Lagune Chaxa im flachen Wasser vor der eindrucksvollen Bergkulisse standen, und erlebten hier den wohl schönsten Sonnenuntergang unserer bisherigen Reise. Die Lagune verfärbte sich dabei in fast schon kitschig wirkenden Farben und die Flamingos stellten sich dann nochmals für unsere Fotos auf.

Die Nächte in der Wüste waren eine weitere neue Erfahrung für uns. Bitterkalt, aber so klar, dass wir uns vom Anblick des Sternenhimmels kaum losreißen konnten. Nach einem Bad in der heißen Thermalquelle in Puritama wollten wir noch zur Lagune Miscanti fahren. Unser Reiseführer beschreibt diese Gegend, hoch oben im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet, als sehr sehenswert. Die Straße, auf den ersten 80 km bis Socaire noch geteert, führte zwischen der Andenkette und dem Salar de Atacama stetig bergauf. Dann ging es auf einer Schotterpiste weiter. Wir quälten uns, teilweise nur in Schrittgeschwindigkeit, immer höher in die Anden. Nur noch 10 km trennten uns von der landschaftlich so schönen Lagune, da machte fast meterhoher Schnee auf der Piste die Weiterfahrt unmöglich. Etwas enttäuscht mussten wir, so kurz vor unserem Ziel, umkehren. Mit einer organisierten Tour wäre so etwas sicher nicht passiert. Andererseits liegt gerade in dieser Unberechenbarkeit und Spontanität der Reiz des individuellen Reisens, und so haben wir auf der Rückfahrt noch das kleine Städtchen Toconao kennengelernt und eine weitere Nacht in der Stille der Atacamawüste verbracht.

09.08.2011 – An der chilenischen Küste südwärts

Unserer weitere Fahrt in Richtung Zentralchile führte uns wieder an die Pazifikküste, die wir bei Antofagasta, der größten Stadt des Nordens, erreichten. Die Stadt selbst hat keine großen Sehenswürdigkeiten, aber das 16 km nördlich der Stadt gelegene Felsentor "La Portada“, das Wahrzeichen von Antofagasta, war einen Besuch wert. Der hoch aus dem Wasser aufragende Fels ist in dieser Form einmalig in Chile. Es war aber vor allem ein geeigneter Platz, um Vögel und Seelöwen zu beobachten. Sogar einige Delfine konnten wir nahe dem Ufer sehen. Einzig die hier normalerweise lebenden Humboldtpinguine zeigten sich nicht.

Die Nacht verbrachten wir auf dem Parkplatz, direkt über dem Felsentor und der Brandung des Pazifiks. Am nächsten Morgen starteten wir recht früh, aber so richtig weit sind wir nicht gekommen. Kurz hinter der Stadt war die Panamericana, die an dieser Stelle einzige Nord-Süd-Verbindung, durch große Trucks versperrt. Fast einen ganzen Tag war diese wichtige Straßenverbindung lahmgelegt, um Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen durchzusetzen. Die meisten Autofahrer nahmen den Protest gelassen hin und selbst die Polizei verhielt sich solidarisch mit den Fahrern. Am späten Abend wurde die Straße wieder freigegeben und wir kamen mit dem letzten Tageslicht gerade noch bis zur nächsten Tankstelle, an der wir übernachteten.

An der Pazifikküste im Norden Chiles gibt es herrliche einsame Strände, beschauliche Fischerdörfer und schöne Ferienorte. Wir bummelten an der Küste südwärts und machten Pause, wo uns gefiel. Dieses geruhsame Reisen hatte zwei Gründe. Zum einen merkten wir sehr deutlich die Klima- und Temperaturänderung in Richtung Süden, hier auf der Südhalbkugel waren wir noch mitten im Winter, und wir wollten das schöne Wetter noch etwas genießen. Der zweite Grund war, dass wir noch genügend Zeit bis zum 3. September hatten, denn für diesen Tag erwarteten wir unseren Sohn Felix in Santiago.

Die Stellmöglichkeiten für unser Wohnmobil waren so gut, dass wir mittlerweile recht ausgefallener Ansprüche entwickelt hatten. Eine Strandpromenade oder wenigstens eine ruhige Uferstraße sollte es schon sein. In Taltal, einem kleinen verschlafenen Fischerort, fühlten wir uns schnell wohl. Sonniges Wetter, schöne Strände und jeden Tag frischen Fisch zum Abendessen. Daran konnten wir uns gewöhnen.

Noch besser hatten wir es dann in Bahia Inglesa getroffen. Der beliebte Ferienort wirkte außerhalb der Sommersaison, die hier in Chile von Mitte Dezember bis Mitte März dauert, fast wie ausgestorben. Die Restaurants kämpften mit Rabatten um die wenigen Gäste und der Strand gehörte uns fast allein. Dabei waren die Temperaturen schon sehr angenehm. Auf über 20 °C stieg das Thermometer tagsüber, nur das Wasser war uns noch zu kalt für ein Bad. Wir hatten unseren Stellplatz direkt an der Promenade, vor uns der weiße Muschelstrand und das türkisblaue Meer, hinter uns das Luxushotel Rocas de Bahia, welches uns sogar freundlicherweise ihren WiFi-Internetzugang zur Verfügung stellte. Auch sonst waren wir gut versorgt. Früh kam der Bäcker mit frischen Brötchen ans Wohnmobil und am Nachmittag brachten die Fischer ihren fangfrischen Fisch. Es waren wundervolle Tage. Die Menschen waren aufgeschlossen, sie interessierten sich für uns, unsere Reise und unser Wohnmobil. Sogar ein Team des chilenischen Fernsehens wurde auf uns aufmerksam. Wir wurden interviewt, alles wurde gefilmt und noch am selben Tag lief der Beitrag über unsere Reise im Vorabendprogramm. Wir hätten niemals für möglich gehalten, wie viele Menschen diesen TV-Beitrag gesehen und uns wieder erkannt haben. Vom Familienfoto vor unserem Hobby bis zum hemmungslosen Anklopfen zu unpassender Zeit reichte das Spektrum, welches wir aufgrund unserer temporären Bekanntheit ertragen mussten. „Ich glaube, jetzt wollen sie uns aus dem Paradies vertreiben“ sagte ich zu Petra und schon bald waren wir wieder auf der Panamericana und rollten weiter südwärts.

Samstag, 6. August 2011

26.04.2011 – 24.06.2011: Bolivien – landschaftliche Schönheit in atemberaubender Höhe


26.04.2011 – Copacabana und die Isla del Sol

Das klang ja alles sehr beunruhigend. In Bolivien wurde bis vor einigen Tagen gestreikt. In den Medien wurde von Übergriffen auf Zivilisten und Ausländer berichtet und viele Reisende waren froh, dass sie aus dem Land endlich rausgekommen sind. Und wir mussten unbedingt rein - nach Bolivien. Katharina hatte ihren Rückflug von La Paz gebucht und so hatten wir keine Wahl.

Einige Tage später waren wir froh in Bolivien zu sein, denn die Streiks wurden nach dem Einlenken der Regierung beendet und bis zu den nächsten landesweiten Protesten waren wir erst einmal sicher. Anders in Peru. Das, was wir noch als halbherzige Straßensperren erlebt hatten entwickelte sich zu einem handfesten Aufstand in der Region um Puño. Die Grenze zwischen Peru und Bolivien war für mehrere Wochen geschlossen, sogar die Flughäfen wurden blockiert. In Puño und Arequipa gab es Straßenschlachten, öffentliche Gebäude wurden angezündet und viele Unbeteiligte wurden verletzt. Also war Bolivien im Moment das sicherere Land.

Unmittelbar hinter der Grenze liegt das kleine Pilgerstädtchen Copacabana. Der Ort selbst ist nicht gerade schön, aber seine bevorzugte Lage am Titicacasee macht ihn zu einem gefragten Touristenort. Restaurants, Kneipen, Geschäfte und unzählige Reiseagenturen säumen die Straßen und im Stimmengewirr der Touristen hörten wir fast nur Englisch.

Bei unserem ersten Stadtspaziergang sahen wir aufwendig, mit Blumen, Girlanden und Blütenblättern geschmückte Autos in der Stadt, und am nächsten Tag erlebten wir, was es damit auf sich hatte. Der Franziskanerpater Bernardino segnete mehrmals wöchentlich Autos. Das ist auch in Bolivien ein Novum und so kamen die Gläubigen mit ihren neuen oder alt gekauften Autos hierher, um den Segen des Paters zu empfangen. Das Ganze wurde von ohrenbetäubenden Böllerschüssen begleitet. Die gesegneten Autos waren dann gegen Pannen und vor allem gegen Unfälle gewappnet, sodass der Fahrtstil ruhig etwas riskanter sein konnte.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Ausflugsboot zur Isla del Sol. Um Basko nicht so lange allein zu lassen, hatten wir uns für eine Halbtagestour entschieden. Leider war die Zeit viel zu kurz für diese beeindruckende Insel. Nach dem anstrengenden Aufstieg über die Inka-Treppe zum höchsten Punkt der Insel hatten wir den wohl schönsten Blick auf den tiefblauen See, auf die Isla del Luna und das gegenüberliegende, von vergletscherten Bergen gesäumte Ufer. Wie gern hätten wir, mit etwas mehr Zeit, eine Wanderung auf dem Kammweg zur nordwestlichen Seite der Insel unternommen. Nicht nur die reizvolle Landschaft, sondern auch die historische Bedeutung wären ausreichend Gründe dafür gewesen. Nach alter Inka-Legende wurde hier der erste Inka Manco Capac und seine Frau geboren und auch die Sonne sei hier entstanden und zum Himmel aufgestiegen. Damit waren die Insel als Ursprung des Inka-Imperiums und ebenso der ganze Titicacasee für die nachfolgenden Inka-Generationen heilig. Früher hieß die Isla del Sol übrigens Titicachi, wovon der Titicacasee seinen Namen ableitete.

Nach so viel Natur und Historie haben wir uns dann am Abend ganz irdischen Genüssen hingegeben. Die frischen Titicacasee-Forellen waren wirklich ein Genuss und der bolivianische Weißwein passte recht gut dazu.

29.04.2011 – La Paz - eine atemberaubende Stadt

Die Strecke von Copacabana nach La Paz war nur 150 km lang. Trotzdem kamen wir erst am späten Nachmittag in El Alto, dem über 4200 m hoch gelegenen Vorort der bolivianischen Andenmetropole an. Ein Grund war die landschaftliche Schönheit der Strecke, die uns immer wieder zu Pausen und Fotostopps veranlasste. Ein weiterer, die wenig vertrauenswürdige Fährverbindung über eine schmale Stelle des Titicacasees. „Sollen wir das wirklich riskieren?“ Wir beobachteten erst einmal den Fährbetrieb, ehe wir uns entschieden, das Wagnis einzugehen. Die altersschwache Fährplattform hatte keine Bohle zu viel an Deck. Sie knackte an allen Ecken, als wir mit dem Hobby langsam darauf rollten. Der Fährmann startete den kleinen Außenbordmotor, der die Plattform langsam vom Ufer wegbewegte. Jetzt brachte der Seitenwind die Fähre mächtig ins Schwanken und unser Hobby schaukelte sich bedenklich auf. Das gelangweilte Gesicht des Fährmannes gab mir etwas Zuversicht, dass wir in keiner kritischen Situation waren - aber was hatte ich auch erwartet? Es war ja nicht sein Wohnmobil, welches vielleicht über Bord gehen würde. Nach 30 bangen Minuten legten wir am gegenüberliegenden Ufer an. Alles war gut gegangen und uns fiel ein Stein vom Herzen.

In La Paz angekommen haben wir uns erst einmal hoffnungslos verfahren. Die Stadt lag direkt vor uns, aber unser Navigationssystem meinte, wir sollten nach links abbiegen und einen großen Bogen fahren. Das konnte ja nur ein Fehler des Systems sein. Also weiter geradeaus. Nach wenigen Kilometern befanden wir uns in einem hoffnungslos verstopften Vorort. Busse, Taxis, Mopeds, Straßenhändler und Fußgänger, alles drängte sich auf der schmalen Straße. Am Straßenrand waren Marktstände mit gefährlich auf die Fahrbahn ragenden Überdachungen aufgereiht. Langsam wurde ich nervös. Nach über einer Stunde im Verkehrschaos hatten wir uns bis zu unserem Ausgangspunkt zurück gequält und die großzügig um die Stadt geführte Stadtautobahn, erreicht. Wir rollten talwärts, fast 1000 m tiefer lag das Zentrum der Stadt. Die Häuser schmiegten sich an die steilen Berghänge und boten eine faszinierende Umrahmung für die im Tal liegenden modernen Stadtviertel mit ihren Hochhäusern und dem über der Stadt thronenden, schneebedeckten, 6439 m hohen Illimani.

Ich vertraute jetzt meinem Navigationssystem und trotzdem gab es noch einige schwierige Verkehrssituationen zu bewältigen, ehe wir endlich am Schweizer Hotel Oberland ankamen. Die Straßenführung in La Paz ist, bedingt durch das extrem bergische Gelände, sehr eigenwillig. Die engen Straßen winden sich mit einem extremen Anstieg an den Berghängen in die Höhe. Da viele Kleinbusse oder älterer Autos nicht mehr loskommen würden, fuhren sie an Kreuzungen einfach durch. Ein Wunder, dass so wenig Unfälle passierten. Für uns war La Paz bisher die Stadt mit den kompliziertesten Verkehrsbedingungen.

Im Hotel Oberland waren dann die Ärgernisse auf La Paz Straßen schnell vergessen. Im Schweizer Restaurant gab es leckeres Käse-Fondue, hausgemachtes Schwarzbier und eine tolle Atmosphäre am Kamin. So verwöhnt wurden wir schon lange nicht mehr.

Am nächsten Tag stand die Stadtbesichtigung auf unserem Programm. Die Innenstadt war laut, hektisch und nicht sehr sauber. Es wurde viel gebaut und die Luft, die schon unter normalen Bedingungen fast zu dünn zum Atmen ist, war staubig und kratzte im Hals. Hinter der Plaza San Francisco beginnt die Touristenmeile mit unzähligen kleinen Läden, Restaurants, Webereien und kunstgewerblichen Geschäften. Uns interessierte aber besonders eine kleine Nebenstraße, die Linares. Hier befindet sich der berühmte Hexemarkt, wo wir Ausgefallenes und Kurioses fanden. Es gab haufenweise Kräuter, Heilgetränke und vor allem getrocknete Lamaembryos, welche die Einheimischen unter den Schwellen ihrer Häuser und Wohnungen vergraben und sich dadurch Glück und Wohlstand erhoffen. Die zentrale Plaza Mendoza war dann endlich ein Ort zum Ausruhen und Durchatmen. Hier stehen die Kathedrale, der Regierungspalast und das Parlamentsgebäude. Alles war gepflegt und strahlte Ruhe und Gelassenheit aus.

Über abschüssige Straßenschluchten ließen wir uns dann immer weiter bergab treiben und kamen so in die besseren Wohngebiete. Hier, fast 1000 m tiefer als El Alto gelegen, fiel uns das Atmen leichter, die Luft war relativ sauber und die Temperaturen angenehmer. Nicht ohne Grund wohnt hier die Oberschicht von La Paz.

Die letzten zwei gemeinsamen Tage vergingen viel zu schnell und dann war er schon da, der Abschied von unserer Katharina. Wir wollten nicht mit dem Wohnmobil zum Flughafen fahren und bestellten über die Hotelrezeption ein Taxi. Nach einem schnellen Abschied fuhr unsere Kathi vom Hotelhof und erst 8 Stunden später erhielten wir die erste Nachricht von ihr. Obwohl wir fest vereinbart hatten, dass sie uns vom Flughafen eine SMS sendet, blieb unser Handy stumm. Unsere Anrufe gingen ins Leere, und obwohl wir nicht zu übersteigerter Ängstlichkeit neigen, machten wir uns zunehmend Sorgen. Mittlerweile müsste sie schon in Lima gelandet sein, aber keine Nachricht erreichte uns. Langsam kamen uns die unmöglichsten Gedanken. Was hatten wir nicht alles gelesen von falschen Taxifahrern, Blitzentführungen und Missbrauch. Meine Anrufe bei der Fluggesellschaft waren erfolglos, die immer wieder gesendeten SMS an Kathi blieben unbeantwortet. Der nächste Schritt wäre ein Hilferuf bei der deutschen Botschaft gewesen - und dann kam endlich der erlösende Anruf unserer Tochter. Völlig überrascht fragte sie uns, was denn los sei und ob wir ihre zwei SMS nicht bekommen hätten. Ein simples technisches Problem im Mobilfunknetz hatte uns, und mit uns die ganze Travellergemeinschaft im Oberland, in Atem gehalten.

15.05.2011 – Sucre - gut für eine Reisepause

Nach dem straffen Programm der letzten Wochen brauchten wir wieder mal eine kleine Auszeit. Vor allem mussten wir Ordnung in unsere Fotos bringen und die letzten zwei Reiseberichte schreiben. Sucre schien dafür gut geeignet und Rita und Lothars Tipp erwies sich als absolut passend. Sie gaben uns die Adresse einer netten Familie, die uns ihren Garten als Stellplatz zur Verfügung stellte. Es war alles vorhanden, von der warmen Dusche bis zum WiFi-Internet. Dazu kam, dass Sucre ein sehr angenehmes Klima besitzt. In nur 2700 m Höhe gelegen war es tagsüber frühlingshaft warm und nachts nicht zu kalt. Dies Sonne schien wirklich jeden Tag und der stahlblaue Himmel war völlig wolkenlos. Die schöne Altstadt mit ihren weißen Häusern, der gepflegten Plaza und dem großen Markt war nicht weit entfernt und Felicidad, Alberto und ihr Sohn Miguel lasen uns fast jeden Wunsch von den Lippen ab. So konnten wir es aushalten.

Nach einigen Tagen kamen dann noch Isabelle und André, die zwei lustigen Franzosen, die uns schon seit Cusco „verfolgten“, nach Sucre. Seitdem waren auch die Abende nicht mehr so einsam.

In Sucre ist man stolz darauf, in der Hauptstadt von Bolivien zu leben, obwohl viele Ausländer denken, die Hauptstadt wäre La Paz. Die Menschen in Sucre sagten selbstbewusst, La Paz ist ja „nur der Regierungssitz“. Aber viel war von der Hauptstadt wirklich nicht zu erkennen, einzig der Oberste Gerichtshof ist in Sucre noch ansässig. Dafür ist es hier ruhig und beschaulich - einfach lebenswert.

Natürlich machten die Bolivianer auch in Sucre von ihrem Recht Gebrauch, gegen alles und jeden zu demonstrieren. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht ein kleiner Protestzug auf der Plaza organisiert wurde, der sich dann einige Straßen weiter wieder friedlich auflöste. Die Demokratie von der Straße hat in Bolivien eine lange Tradition und durch den Volkswillen oder auch Volkszorn wurde schon so mancher Präsident gestürzt. Seit der Unabhängigkeit 1825 gab es über 200 gewaltsame Machtwechsel - das ist einsamer Weltrekord.

Die größte Manifestation erlebten wir am 25. Mai und den folgenden Tagen. Diesmal war es aber keine Demonstration gegen - sondern für die Regierung. Der 25. Mai wird in Sucre als Beginn der Unabhängigkeitsbewegung vor nunmehr 202 Jahren gefeiert. Stundenlang marschierten die Menschen an der Casa de la Libertad vorbei. Der Präsident Boliviens Evo Morales war in der Stadt und kam für einige Minuten auf den Balkon. Auch ihm schien der Umzug, der einfach kein Ende nehmen wollte, zu lange zu dauern. Ich wurde etwas an die inszenierten Umzüge in der ehemaligen DDR erinnert, aber hier schienen die Menschen mit Freude und Enthusiasmus dabei zu sein. Vor allem die vielen Indigenas fielen in dem Demonstrationszug auf und unzählige Marschkapellen versuchten sich gegenseitig zu überbieten. Über allem dröhnte die unermüdliche Stimme des Kommentators, der jede neue Gruppe mit großen Worten ankündigte und ihre Verbundenheit mit der Regierung lobte.

An den nächsten zwei Tagen hörten wir immer wieder Marschmusik aus dem Stadtzentrum, die Show war noch lange nicht zu Ende. Am Abend flanierten die stolzen Bürger dann auf der Plaza oder vergnügten sich bei öffentlichen Konzerten. Sogar eine Rallye-Meisterschaft gab es am Sonntag und zur Feier des Tages wurde Paderborner Bier ausgeschenkt. Trotz der offensichtlichen Inszenierung dieses Spektakels hatten wir den Eindruck, dass die Bolivianer diesen Feiertag mit Hingabe begehen. Einen beispiellosen Nationalstolz haben sie sowieso.

Nach den fünf heißen Tagen zogen wieder Ruhe und Ordnung in Sucre ein und wir konnten uns den weiteren Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihrer Umgebung widmen. In Sucre befindet sich die 1628 gegründete älteste Universität Südamerikas, im Turm der Kirche San Francisco hängt noch heute die Freiheitsglocke, die am 15. Mai 1825 die Unabhängigkeitskämpfer an die Waffen rief, und in der Casa de la Libertad wurde am 6. August 1825 die Unabhängigkeit Bolivien erklärt. Wir bewegten uns auf geschichtsträchtigen Boden und noch einige Jahre älter ist der sensationelle Fund, den man 1994 in der staatlichen Zementgrube am Stadtrand machte. Über 3000 Fußabdrücke von etwa 300 verschiedenen Dinosauriern wurden hier entdeckt. Die längste Spur ist 350 m lang. Es sind die größten und ältesten Fußspuren der Welt. Wir konnten die drei zackigen Riesenzehen vom Tyrannosaurus Rex und die Abdrücke vom Brontosaurus erkennen, die hier herumgewandert sind. Die ehemals ebene Platte wurde über Jahrmillionen nach oben gefaltete und steht heute senkrecht gegenüber der eigens dafür errichteten Besucherplattform. Durch Erosion treten selbst heute noch neue Spuren zutage, während man mit einem Kunststoffüberzug versucht, die bestehenden zu schützen. Es ist wirklich eine Weltattraktion, die in den letzten Jahren noch durch einen Saurier-Themenpark ergänzt wurde.

Von Sucre aus unternahmen wir auch einen mehrtägigen Ausflug zum Salar Uyuni. Isabelle und André kümmerten sich in dieser Zeit um unseren Basko.

01.06.2011 – Salar Uyuni – die größte Salzwüste der Welt

Um 7:00 Uhr früh standen wir am Terminal und warteten auf unseren Bus nach Uyuni. Was dann angerollt kam, hatte wenig mit einem bequemen Reisebus zu tun, aber wir haben es irgendwie überstanden. Nach 11 Stunden stiegen wir wie gerädert in Uyuni aus und waren froh, dass wir diese Buckelpiste nicht mit unserem Hobby gefahren sind.

Uyuni, 1889 aus strategischen Gründen vom damaligen Präsidenten Arce gegründet, spielte im Chacokrieg gegen Paraguay eine wichtige Rolle. Heute wird in dieser trostlosen Stadt nur noch um Touristen gekämpft. Uyuni ist der Ausgangspunkt für Touren zum gleichnamigen Salar und der einmaligen Lagunenlandschaft im Südwesten Boliviens.

Nach dem Einchecken in unser Hotel gingen wir erst einmal auf „Nahrungssuche“. Die Stadt wirkte schon am frühen Abend wie ausgestorben, trostlos und kalt. In einem Restaurant mit „Fireplace“, wie die auffällige Werbung an der Tür versprach, hatten wir dann einen recht netten Abend. Das Lokal füllte sich langsam und die Gespräche drehten sich ausschließlich um den morgigen Start der Jeeptouren. Anfangs wunderten wir uns noch, dass alle zufällig gerade am nächsten Tag starten werden, aber wer sollte auch länger als unbedingt nötig in diesem Ort verweilen. In der Nacht leisteten wir uns den Luxus, unseren Ölradiator durchlaufen zu lassen. "Noch einmal einigermaßen warm schlafen" sagten wir uns. „Die nächsten Nächte werden frostig sein.“

Pünktlich um 10:00 Uhr stand am nächsten Morgen "unser“ Landcruiser vor der Tür. Noch zwei Stopps und unsere kleine Gruppe war komplett. Zwei Franzosen, Vater und Sohn, zwei junge deutsche Frauen und wir. Der Fahrer fungierte gleichzeitig als Reiseleiter und Koch. Erster Stopp war der berühmte Cementerio de Trenes, der Eisenbahnfriedhof. Hier rosteten unzählige Dampfloks und Eisenbahnwaggons vor sich hin. Mit dem Aufkommen der Dieselloks war die Zeit der alten Dampfrösser abgelaufen. Eisenbahnfriedhof klingt nach würdevollem Abschied nehmen, aber die Loks standen inmitten von Abfall und rostigen Teilen wie auf einem Schrottplatz oder einer Müllkippe.

Einige Kilometer weiter sahen wir sie, blendend weiß, vor uns liegen, die riesige Salzwüste Uyuni. Mit 160 km Länge und 135 km Breite ist sie die größte Salzpfanne der Erde – siebzehnmal größer als der Bodensee. Die vielen Jeeps, die mit uns gemeinsam gestartet waren, verteilten sich auf der riesigen Fläche - und dann war es ganz still. Der blaue Himmel stand in einem intensiven Kontrast zu der weißen Salzfläche, die Sonne verstärkte die Wirkung nochmals und am Horizont ging die Salzwüste in einen schmalen Wolkenstreifen über. Es war, wie an einem sonnigen Wintertag mit Neuschnee, nur dass es hier keine Bäume, keine Häuser, keinerlei räumliche Begrenzung gab. Es war irreal - absolut fantastisch. Vielleicht hatte es auch die Wirkung einer Droge, denn plötzlich fingen alle an, die fantasievollsten Fotos zu schießen. Die endlose Weite ermöglichte es, dass man Bilder machen konnte, die sonst nur durch Fotomontagen möglich sind.

Auf der Weiterfahrt kamen wir an aufgetürmten Salzbergen vorbei. Das Salz musste nach den Regenfällen erst abtrocknen, ehe es gemahlen, gereinigt und dann verkauft werden konnte. Gerade mal einen Boliviano, das sind 10 Eurocent, bekommt ein Arbeiter für sechs Kilo Salz - wahrlich ein Hungerlohn.

Die Insel Pescado wirkte auf uns wie eine Oase in der Wüste. Hier wachsen bis zu 12 m hohe Kakteen, zum Teil sind diese weit über 1000 Jahre alt. Vom höchsten Punkt der Insel hatten wir eine tolle Rundumsicht bis zu den schneebedeckten Vulkanbergen im Süden. Wir unterlagen der Täuschung, uns auf einer richtigen, vom Wasser umgebenen Insel zu befinden. Aber auch hier - alles nur Salz.

Das änderte sich dann auf unserer Weiterfahrt. Der westliche Teil des Salar Uyuni stand bis zu 50 cm unter Wasser. Der Regen der letzten Monate blieb auf dem abflusslosen Salar so lange stehen, bis das Wasser vollständig verdunstet war. So entstand auch schon vor vielen Millionen Jahren dieses Naturwunder, als das abflusslose Anden-Binnenmeer Lago Minchíns austrocknete und nichts als Salz zurückblieb. Unser Fahrer brauchte seine ganze Aufmerksamkeit, um nicht in den Ojos einzubrechen, das sind instabile Stellen in der Salzkruste, die durch Salzquellen und unterirdische Wasserläufe entstehen. Wie ein Boot durchpflügte unser Landcruiser den Salar, der hier doch mehr einem See als einer Wüste ähnelte. Die untergehende Sonne spiegelte sich zwischen zerrissenen Wolken im Wasser und erzeugte bei uns einen außergewöhnlich stimmungsvollen Tagesausklang.

Die nächsten zwei Tage erlebten wir die Naturschönheiten im tiefsten Südwesten Boliviens. In diesem entlegenen Teil des Landes gibt es keine Straßen, nur raue Offroad-Pisten, die auch ebensolche Fahrzeuge erfordern. Die surreale Landschaft, hügelig und fast baumlos, hatte ihren besonderen Reiz. An vielen Stellen standen steil aufragende, durch Erosion geformte Felsen, in denen wir mit etwas Fantasie Figuren und Tiere erkannten. In der Nahe der chilenischen Grenze säumten dann schneebedeckte Berge und Vulkane, die meisten über 6000 m hoch, den Horizont. Wir sahen unzählige Lagunen, deren Wasser je nach Tageszeit und Temperatur eine grüne oder rote Farbe annahm. Der Grund dafür ist das pflanzliche Plankton, in Verbindung mit einem hohen Blei- Kalzium- und Schwefelgehalt. Vacuñas und Flamingos fühlten sich hier wohl.

Dass das ganze Andengebiet vulkanisch aktiv ist, konnten wir hier ein weiteres Mal beobachten. Das 5000 m hoch gelegene Geysirbecken mit seinen brodelnden Schlammpfützen und den unter hohem Druck austretenden Schwefeldämpfen machte uns schon fast etwas Angst. Die Erde schien zu vibrieren und der Überdruck konnte, wie bei einem Wasserkessel, nur an bestimmten Stellen entweichen. Alles schien instabil, aber es gab keinerlei Absperrungen. Jeder konnte direkt zwischen den heißen blubbernden Stellen umherlaufen und, die Warnungen unserer Fahrer ignorierend, sich in Lebensgefahr begeben. Irgendwie waren wir froh, als wir diesen Ort verließen und den angenehmen Teil dieser vulkanisch aktiven Gegend erreichten. Draußen Frostgrade und im heißen Naturpool angenehme 34 °C – es war ein Erlebnis ganz besonderer Art.

Auf der Rückfahrt sahen wir an einem Abhang drei neue Kreuze stehen und unser Fahrer bekreuzigte sich. Dann erzählte er von dem Jeep, der vor einem Monat mit 6 Touristen über die Piste geschossen und in den Abgrund gestürzt sei. Leider kommt so etwas immer wieder vor. Die Fahrer sind oftmals übermüdet, manchmal betrunken oder sie stehen unter Drogen. Wir waren froh, dass wir einen recht guten Fahrer hatten, der uns sehr sicher und ohne ein Risiko einzugehen drei Tage durch eine der schönsten Gegenden Boliviens chauffiert hat. Wir werden diesen Trip nicht so schnell vergessen.

17.06.2011 – Potosí - die einst reichste Stadt der Welt

Potosí - wer kennt schon Potosí? Dabei war es einmal die reichste und größte Stadt der Welt. So reich, dass anlässlich der Corpus-Christi-Feiern im Jahre 1658 die Pflastersteine der Straßen entfernt und durch Silberbarren ersetzt wurden und so groß, dass sich damals weder Paris, noch Madrid oder Rom mit Potosí messen konnte. Der Grund für diesen Reichtum und die Größe der Stadt war ein gigantisches Silbervorkommen, welches im Cerro Rico, dem reichen Berg, nahe der Stadt von den Spaniern entdeckt und ausgebeutet wurde. Die sagenhafte Menge von 460.000 Tonnen Silber wurde bis heute aus diesem Berg gefördert. Es war das größte Silbervorkommen weltweit. Aber mit dem Rückgang der Förderung und dem Verfall des Silberpreises verlor auch die Stadt an Bedeutung. Einen Rekord kann sie aber heute noch für sich verbuchen. Sie liegt auf über 4000 m und ist damit die höchst gelegene Großstadt der Welt.

Wir waren klimatisch von Sucre verwöhnt und erlebten hier in Potosí wieder hautnah den bolivianischen Winter. Die Luft war dünn, wir hatten Atemprobleme und schlotterten vor Kälte. Gut, dass wir einen so angenehmen Stellplatz bei der Hacienda Cayara gefunden hatten. Das Haus aus dem Jahre 1545 ist mehr Museum als Hotel. Eine unglaubliche Anzahl an historischen Rüstungen, Waffen, Werkzeugen und Haushaltsgegenständen befinden sich auf der Hacienda, vieles davon weit über 400 Jahre alt. Die Bibliothek ist ein Fundus für Historiker, das älteste Buch stammt aus der Gründungszeit der Hacienda, und im sich anschließenden Kaminzimmer verbrachten wir angenehme Abende. Arthuro, der Manager des Hotels und ein direkter Nachkomme des früheren Besitzers, ließ es sich nicht nehmen, uns alles zu zeigen und genau zu erklären. Fast einen ganzen Tag waren wir gemeinsam im Haus unterwegs und kamen aus dem Staunen kaum heraus, welche historischen Werte hier noch in Privatbesitz sind.

In Potosí selbst war kaum etwas so gut erhalten und über die Zeit bewahrt worden. An allen Ecken der Stadt sah man noch den früheren Reichtum, aber auch den zunehmenden Verfall. Potosí wächst und schrumpft mit dem Silberpreis. In den letzten 10 Jahren ist die Bevölkerung um mehrere 10.000 Bewohner angewachsen. Die schnell gebauten primitiven Behausungen am Stadtrand zeugen von dem Boom der letzten Jahre. Der hohe Silberpreis machte den Abbau am Cerro Rico wieder lukrativ. Der Berg, innen durchlöchert wie ein Schweizer Käse, hat mittlerweile mehr als 400 Mineneingänge. Einige wenige werden heute noch oder wieder genutzt, wobei die Bergleute unter extremen Bedingungen, betäubt durch Kokablätter und Alkohol, schuften und oftmals nicht älter als vierzig Jahre werden. In der Stadt brummte derweil der Minentourismus. Für wenige Bolivianos konnte man eine aktive Mine besuchen und sich dem Schockprogramm unterziehen. Den Minenarbeitern werden kleine Geschenke wie Kokablätter, hochprozentiger Alkohol und Dynamit, welches hier frei verkäuflich ist, mitgenommen. Anfangs wollten wir eine solche Tour buchen, haben uns dann aber gegen diese Form des Sensationstourismus entschieden.

Potosí hatte auch ohne Minentouren einiges zu bieten. Die Kathedrale wurde mit hohem Aufwand restauriert und stand bei unserer Besichtigung kurz vor der Fertigstellung und in der Casa de Moneda, der königlich spanischen Münze, konnten wir deren Entwicklung zur wichtigsten Münzprägewerkstatt Spaniens nachvollziehen und die wuchtigen, in Deutschland gebauten Prägemaschinen besichtigen.

Eine interessante Erfahrung machten wir, ähnlich wie in Sucre, auf den Straßen von Potosí. Ein karnevalähnlicher Umzug brachte die halbe Stadt zum Schwingen und zeigte eindrucksvoll die Lebensfreude und den Frohsinn der Bewohner.

Auch Gastfreundschaft ist für die Bolivianer sehr wichtig. Für uns war es eine Überraschung, für Arthuro, den Hotelmanager der Hacienda Cayara, geradezu selbstverständlich, uns zu seinem Geburtstag einzuladen. Wir fühlten uns sofort wohl und wurden einbezogen, als gehörten wir zur Familie. Dabei waren wir nur die Gäste vom Parkplatz der Hacienda.

22.06.2011 – Der lange Weg nach Chile

Wir waren wirklich gut auf den Grenzübertritt nach Chile vorbereitet, wussten wir doch, dass die Einfuhr von Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst, Milchprodukten, Eiern - eigentlich von fast allen Lebensmitteln und auch von Hundefutter - verboten ist. In den letzten Tagen hatten wir ziemlich alles verbraucht und nichts Neues mehr eingekauft. Nur drei vertrocknete Kartoffeln und eine Zwiebel lagen noch einsam als „Köder“ in unserem Gemüsefach.

Auf der Fahrt zur chilenischen Grenze durchquerten wir den Nationalpark Sajama. Immer höher schraubte sich die Straße in die schneebedeckten Anden. Da es schon später Nachmittag war beschlossen wir, kurz vor der Grenzstation noch eine Nacht auf bolivianische Seite zu schlafen. In dem kleinen, idyllisch zwischen Lagunen und schneebedeckten Vulkanen gelegenen Andendorf Lagunas verbrachten wir eine bitterkalte Frostnacht.

Mit nicht viel mehr als einer Tasse Kaffee im Magen erreichten wir am nächsten Morgen die Grenze. "Gegen Mittag sind wir in Arica und dann kaufen wir richtig ein und holen das Frühstück nach" sagte ich zu Petra. Ich ahnte noch nicht, dass alles ganz anders kommen wird.

Die Grenzformalitäten auf bolivianische Seite waren schnell erledigt. Nach wenigen Minuten hatten wir die Ausreisestempel im Pass und unser Wohnmobil wurde ebenso flott ausgetragen. Auf chilenischer Seite war der Ablauf schon etwas aufwendiger. Wir mussten Einreiseformulare und Erklärungen über die einzuführenden Waren ausfüllen, aber nach 30 Minuten war auch das erledigt. Die Beamten von der chilenischen Gesundheitsbehörde SAG waren dann ziemlich enttäuscht, dass wir keine Taschen oder Koffer hatten, die sie, wie bei den Buspassagieren, in ihrem tollen Röntgengerät überprüfen konnten. Also mussten sie zur Inspektion ins Auto kommen. Wir hatten auf der Einfuhrerklärung die Frage nach Lebensmitteln mit „Ja“ beantwortet, und so durchsuchten sie unsere Küchenschränke und jeder „Fund“ war Anlass zu einer ausgiebigen internen Fachdiskussion. Unsere Mehl durften wir behalten, Zucker und Salz auch, aber ob die Gewürze erlaubt waren, ließ sich nicht so einfach beantworten. Wir haben dann die Diskussion unterbrochen, indem wir unsere Gemüsefach aufzogen und unseren „Köder“, die Zwiebel und die vertrockneten Kartoffeln, zeigten. “Ist das erlaubt?" fragten wir mit gespielter Unwissenheit. Der „Köder“ verfehlte seine Wirkung nicht. Sofort wurden die Kartoffeln und die Zwiebel konfisziert und die Überprüfung war damit abgeschlossen. Mehr beiläufig fragte der Beamte beim Aussteigen nach den Papieren für Basko. Völlig überzeugt davon, dass ja alles ordentlich dokumentiert sei, zeigten wir ihm den europäischen Tierpass mit allen geforderten Eintragungen. "Mehr haben sie nicht?" war die kurze Frage des SAG-Beamten, dann verschwand er mit dem beschlagnahmten Gemüse und dem Tierpass im Büro seines Chefs.

Als er wieder rauskam, machte er ein sehr amtliches Gesicht. Wir könnten mit Basko nicht nach Chile einreisen, weil bestimmte Formalien nicht erfüllt wären. Ein, von der bolivianischen Gesundheitsbehörde SANASAG bestätigtes Tierarzt-Zertifikat sei zwingend erforderlich. Wir waren stinksauer und versuchten diese Entscheidung noch zu beeinflussen, merkten aber bald, dass jede Diskussion zwecklos war. Wir mussten wieder zurück nach Bolivien fahren.

Nach nicht einmal zwei Stunden standen wir wieder am bolivianischen Schlagbaum, hatten einen chilenischen Ausreise- und den bolivianischen Einreisestempel im Pass und mussten nur noch unserem Hobby nach Bolivien importieren. Aber genau hier begann unserer nächstes Problem. Da unser Wohnmobil noch nicht in Chile eingeführt war, wir hatten die Einreiseprozedur ja vorher abgebrochen, konnte er auch nicht nach Bolivien importiert werden. Die Einfuhr eines Autos nach Bolivien, welches aus Bolivien kam, war in den Zollbestimmungen nicht vorgesehen. Mit hungrigen Magen und zunehmend schlechter Laune führte ich unzählige Diskussionen, bis sich dann, wir hatten fast nicht mehr daran geglaubt, am frühen Nachmittag der Schlagbaum hob und wir die Grenze passieren konnten.

Die 350 km bis Oruro, es war die nächstgelegene Stadt, in der wir die erforderlichen Papiere bekommen konnten, fuhren wir an einem Stück durch. Erst kurz vor Mitternacht standen wir am ersten Geldautomaten und wenig später in einem kleinen Supermarkt, um endlich etwas Essbares zu kaufen.

Am nächsten Morgen fuhren wir ganz zeitig zum Tierarzt, um das Gesundheitszertifikat für Basko erstellen zu lassen, aber irgendwie waren wir vom Pech verfolgt. Wir wurden von einem Tierarzt zum nächsten geschickt. Als wir das Zertifikat dann endlich in den Händen hielten war es die Gesundheitsbehörde SANASAG, die alles auf einem anderen Formblatt sehen wollte. Nach zwei Tagen waren wir eine Menge Geld für Taxi, Behörden-und Tierarztgebühren los und mit den Nerven fast am Ende - aber wir hielten endlich das SANASAG-Zertifikat in unseren Händen. Übrigens wollte niemand unseren Basko sehen oder gar untersuchen. Der Tierarzt hat die Daten nur aus unserem Tierpass abgeschrieben und die Gesundheitsbehörde hat dann alles auf ein zweites Formular übertragen. Da soll noch mal jemand auf die deutsche Bürokratie schimpfen. Aber es sollte noch dicker kommen - die Odyssee war noch nicht vorbei. Zu diesem Zeitpunkt waren wir jedoch erst einmal glücklich, das Problem gelöst zu haben. Im Thermalbad Obrajes, nahe Oruro, verbrachten wir den Abend und am nächsten Morgen fuhren wir wieder zur chilenischen Grenze.

Den Grenzübertritt hatten wir ja schon ausreichend geübt, sodass alles sehr schnell ging - nur im Büro der SAG, in welches wir siegessicher eintraten und Baskos neue Papiere auf den Tisch legten, gab es wieder ein Problem. Der junge Chef vom Dienst, ein Vollblutbeamter, prüfte eingehend die Gesundheitszertifikate, schlug dann in vielen Ordnern nach und fand wirklich noch „das Haar in der Suppe“. Es wäre ja so weit alles in Ordnung, aber auf dem Zertifikat müsste noch vermerkt sein, dass Basko frei von Parasiten sei - und dieser Vermerk fehlte.

Ich musste mich zur Ruhe zwingen, es war einfach unglaublich. Anfangs haben wir uns noch in die Lösung des Problems eingebracht, haben vorgeschlagen den Vermerk selbst zu ergänzen oder in der ersten chilenischen Stadt noch mal zum Tierarzt zu gehen und das Formular zur Grenze zu faxen. Dann änderten wir unsere Strategie. Wir sagten uns: „Unser Problem ist auch Euer Problem„, setzten uns bequem auf die Besucherstühle des Chefs und machten deutlich, dass wir hier sitzen bleiben werden, bis er eine Lösung gefunden hat. Zurück nach Bolivien fahren wir nicht! Es vergingen zwei Stunden, in denen der Chef vom Dienst unzählige Telefonate führte, im Internet recherchierte und dicke Akten wälzte. Er wirkte mittlerweile viel nervöser als wir. Uns ging es unterdessen recht gut. Die anderen Mitarbeiter haben uns nett behandelt und uns in der Zwischenzeit gut versorgt. Immer wieder wurden neue „Beutestücke“ in das Büro gebracht, die dann sofort „vernichtet“ wurden. Äpfel, Orangen, Popcorn - so ließ es sich aushalten.

Dass wir dann doch noch an diesem Tag die Grenze passieren konnten, lag weniger an der Einsicht des Chefs, sondern daran, dass er eben ein Vollblut-Beamter war. Genau so verbissen, wie er alle möglichen und unmöglichen Verordnungen buchstabengenau befolgte, so wichtig war ihm auch sein pünktlicher Dienstschluss. Kurz vor dem Schließen der Grenze um 17:00 Uhr kam ihm die „feierabend-„ rettende Idee. Wir mussten ein langes Schriftstück unterzeichnen, in dem wir uns verpflichteten Basko drei Wochen von anderen Hunden fernzuhalten und im Krankheitsfall sofort die SAG zu informieren. So einfach kann die Lösung sein.

Gespannt darauf, was uns in Chile noch so alles erwarten wird, rollten wir über die chilenische Grenze und der untergehenden Sonne entgegen. Ein Schmunzeln konnten wir uns nicht verkneifen.

Freitag, 10. Juni 2011

01.04.2011 – 25.04.2011: Peru – auf den Spuren der Inka


02.04.2011 – Nordperu - Schmutz, Armut und ein herrschaftliches Grab

„In Peru ist manches anders als in Ecuador“ hatte man uns noch kurz vor dem Grenzübertritt gesagt und nun erlebten wir es selbst - das Schockprogramm. Die Panamericana war in einem recht guten Zustand, aber abseits der Straße sahen wir nur Schmutz, Müll und Armut. Die Menschen lebten in einfachsten Behausungen, die wohl nur durch die aufgepinselten grellen Wahlwerbungen zusammengehalten wurden. Es war für uns unverständlich, wie man hier leben kann. Ein klappriger Bus hielt in einer Staubwolke, eine Gruppe Kinder stiegen in blitzsauberen Schuluniformen aus und liefen ihrem Zuhause entgegen. Einige blieben an unserem Wohnmobil stehen und schauten uns interessiert an. „Wir werden hier über Nacht parken“ erklärten wir ihnen. Wir hatten den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, als die Kinder schon lärmend und schreiend zu ihren Häusern liefen. „Vielleicht sollten wir doch weiterfahren und uns einen anderen Platz für die Nacht suchen“, war unser nächster Gedanke, als die Kinder schon wieder zurückgerannt kamen. Sie beschenkten uns mit Mangos und Orangen und hießen uns in ihrem kleinen Dorf willkommen. Wir hatten noch kein peruanisches Geld und konnten uns nur mit einigen Süßigkeiten und einer Tafel Schokolade bedanken.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Piura, der ersten größeren Stadt in Peru. Hier versorgten wir uns mit ausreichend Bargeld und schlossen eine Versicherung für unser Wohnmobil ab. Zurück auf der Panamericana durchquerten wir die Sechura-Wüste. Auf diesen 200 km sahen wir nur Dürre, Sand und Trockenheit, aber auch hier leben Menschen. Wir waren immer wieder entsetzt, wenn wir sahen, dass der Müll aus den Städten achtlos in der Wüste abgekippt und oftmals auch noch angebrannt wurde. Dunkle, weithin sichtbare Rauchfahnen zeugten von diesen Umweltsünden.

In Lambayeque hatten wir das Ziel unserer Tagesetappe erreicht. Hier befindet sich eines der wenigen archäologischen Highlights im Norden Perus: das Museo Tumbas Reales de Sipán. Im Jahre 1987 wurde, im Tal des Rio Lambayeque, das unberührte, etwa 1700 Jahre alte Grab eines Mochica-Herrschers entdeckt. Die heute als das Grab des Herrn von Sipán bekannte Ausgrabung enthielt außerordentlich zahlreiche und wertvolle Grabbeigaben, vieles davon aus purem Gold. Niemals zuvor war in Südamerika ein so reicher Grabschatz entdeckt worden. Die Fachleute verglichen seine Bedeutung mit der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun in Ägypten. Die meisten Originalstücke sowie eine Nachbildung der Grabkammer wurden in dem extra dafür gebauten Museum sehr eindrucksvoll präsentiert. Es wurde aber auch darüber informiert, dass durch Korruption und Schlamperei viele der unwiederbringlichen Grabbeigaben geraubt und weltweit auf dem schwarzen Kunstmarkt verkauft wurden. Ein trauriges Kapitel und in der heutigen Zeit fast unvorstellbar. Leider hatte man in Peru aus dieser Misere nicht viel gelernt. Im Jahre 1991 wurde in der gleichen Gegend, in Batán Grande, das Grab des Sicán geöffnet. Es enthielt über eine Tonne kostbarster Grabbeigaben, die dann ebenfalls zu einem großen Teil geraubt und weltweit verkauft wurden.

Nur 100 km weiter südlich befinden sich die Ruinen von Chan Chan, der ehemaligen Hauptstadt der Chimú. Die Chimú waren ein mächtiges Nachfolgevolk der Mochica. Ihr Reich erstreckte sich von Südecuador bis nach Lima und ihre Hauptstadt Chan Chan war im 13. und 14. Jahrhundert die größte Stadt Südamerikas, vielleicht sogar der ganzen Welt. Bis zu 100.000 Menschen sollen in der Stadt gelebt haben, die komplett aus Lehmziegeln erbaut war. Diese Bauweise war auch der Grund, dass von der rund 20 Quadratkilometer großen Stadt heute kaum noch etwas zu sehen ist. Eine noch nie da gewesene Regenflut im Jahre 1925 zerstörte die meisten Gebäude, die heute wie in der Sonne geschmolzenes Wachs aussehen. Die El-Niño-Klimaphänomene der letzten Jahre gaben der Stadt dann den Rest. Alles, was nicht mit einem Dach geschützt war, wurde vernichtet - unter anderem auch viele der wertvollen Adobereliefs.

Der Zeremonialpalast Tschudi ist heute am Besten erhalten und rekonstruiert. Eindrucksvoll von einer 12 Meter hohen und 5 Meter dicken Adobemauer umgeben, konnten wir hier noch etwas von der damaligen Dimension der Stadt erahnen. Tonnen von Gold waren in der Stadt verbaut, die wichtigsten Gebäude waren mit Goldplatten verziert. Als die Inka die Stadt 1460 eroberten und das Chimúgebiet in das Inkareich integrierten, wurde die Stadt nicht geplündert. Das machten erst die goldgierigen Spanier 73 Jahre später. Die Goldschmiede und Kunsthandwerker aus Chan Chan wurden nach Cusco verschleppt und mussten ihre einzigartigen Fähigkeiten den Inka zur Verfügung stellen. Diese hatten damals bei Weitem noch nicht diese Perfektion in der Goldverarbeitung wie die Chimú erreicht.

Wir waren jetzt recht gut über die Präinkakulturen informiert und neugierig auf die Hochburgen des Inkareiches. Unser nächstes Ziel auf unserer Perurundreise war aber erst einmal Lima. Die von Francisco Pizarro am 06. Januar 1535 gegründete Hauptstadt Perus war einst die reichste, prächtigste und mächtigste Kolonialstadt Südamerikas. Bis nach Lima waren es noch knapp 800 Kilometer und wir mussten unbedingt am 09.04. am Aeropuerto stehen. Unsere Tochter Katharina kam zu Besuch und sie würde es uns nur schwer verzeihen, wenn wir sie nicht pünktlich abholen würden.

Die Strecke bis Lima hatte wenige Höhepunkte, die Panamericana verläuft hier parallel zur Küste durch eine unendliche Wüste. Abschnittsweise war der karge Wüstenboden bewässert und dann wuchsen Orangen, Avocados und andere Früchte im Überfluss. Wir hatten uns auch etwas auf die Küste gefreut und waren enttäuscht, dass es kaum eine Möglichkeit gab, an den Strand zu fahren. Die wenigen kleinen Küstenorte waren wenig ansprechend, an der ganzen Küste standen stinkende Fischmehlfabriken, sodass wir ohne größeren Aufenthalt bis Lima durchgefahren sind.

10.04.2011 – Lima - eine Stadt im Wahlfieber

Im Umland von Lima sah es aus wie in jeder anderen südamerikanischen Großstadt. Hier leben die Ärmsten der Armen, die Campesinos, die vom Land in die Stadt gezogen sind, um ein besseres Leben zu beginnen. Für die meisten von ihnen bleibt dies aber nur ein Traum, sie leben in erbärmlichen Hütten unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Viele von ihnen verdienen sich ihren Lebensunterhalt als fliegende Straßenhändler - 1,5 Millionen gibt es davon allein in Lima. Wir waren froh, als wir diese schmutzigen Stadtviertel hinter uns gelassen hatten und den im Stadtbezirk Callao liegenden Flughafen erreichten. Wir hatten noch genug Zeit, um das Wohnmobil noch etwas auf- und umzuräumen und für Katharina das „Gästezimmer“ im Alkoven herzurichten.

Nach einem vierundzwanzigstündigen Flug kam unsere Kathi dann am Abend, völlig übermüdet, aber glücklich, in Lima an. Es gab viel zu erzählen, Geschenke wurden ausgepackt und einige der mitgebrachten Leckereien wurden schon mal probiert. Die Nacht verbrachten wir direkt neben dem Flughafen. Hier sind in einem Aeropark Flugzeuge und Hubschrauber ausgestellt und alles wurde Tag und Nacht gut bewacht, ein idealer Stellplatz für uns.

Am nächsten Morgen fuhren wir in die Innenstadt. Der deutsche Club Germania, so wurde uns von anderen Reisenden mitgeteilt, ist ein idealer und sicherer Platz für Wohnmobilreisende. Dort wollten wir die nächsten zwei Tage stehen und uns die Altstadt Limas ansehen. Leider hatten wir uns für die Fahrt in die Stadt genau den falschen Tag ausgesucht. In Peru war an diesem Sonntag Präsidentschaftswahl und die ganze Stadt war auf den Beinen, um zum entsprechenden Wahllokal zu kommen. Über eine Stunde standen wir an einer Kreuzung im Stau. Wir glaubten, die Straße sei durch einen Unfall gesperrt, aber später sahen wir, dass die Kreuzung ausschließlich durch den chaotischen Fahrstil der Auto- und Busfahrer blockiert war. Jeder glaubte schneller weiterzukommen, wenn er auch von der gesperrten Richtung auf die Kreuzung fährt. Die herbeigerufene Verkehrspolizei konnte den Stau auch kaum auflösen, die Polizisten wedelten mit ihren Armen in alle Richtungen und veranstalteten dazu ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert. Als wir die Kreuzung dann endlich passiert hatten, kam die nächste Herausforderung für uns. Auf dem zweispurigen Zubringer zu einem großen Kreisverkehr staute sich wieder einmal alles. Jetzt hatten die Autofahrer aber eine andere Idee. Die kleineren Autos wendeten auf der Einbahnstraße, Busse und Kleintransporter fuhren rückwärts und hupten sich den Weg frei. Als ich keinerlei Anstalten machte auch rückwärts aus der Straße wieder herauszufahren wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass ich die Verkehrsregeln in Lima noch nicht verstanden hätte. Irgendwann ging es dann doch weiter und die Auffahrt auf den Kreisverkehr hat selbst mich etwas beunruhigt. Hier existieren keine Regeln, wir mussten uns, wie alle anderen Autos auch, langsam in den fließenden Verkehr hinein drängeln und darauf hoffen, dass ein anderer Autofahrer im letzten Moment bremst. Ein alter zerbeulter Stadtbus kam unserem Alkoven so nahe, dass ich schon mit dem Schlimmsten gerechnet habe, aber irgendwie ging alles gut. Eine Stunde später lagen wir im Club Germania am sauberen Pool und erholten uns von dieser aufregenden Fahrt.

Schon im Norden Perus hatten wir vergeblich versucht, die Verkehrsregeln zu verstehen. An vielen Kreuzungen stehen keinerlei Verkehrsschilder und die Vorfahrt scheint ungeregelt zu sein. Im Club hatte ich dann die Gelegenheit, mich mit einem deutschen Unternehmer darüber auszutauschen. „Eigentlich“, so sagte er, „gilt hier in Peru an solchen Kreuzungen die rechts vor links Regel. Aber es gibt noch viele weitere praktizierte Vorfahrtregeln, wie zum Beispiel groß vor klein, schnell vor langsam, bergauf vor bergab oder laute Hupe vor leiserer Hupe.“ Jetzt wussten wir fast alles über die Verkehrsregeln in Peru, da konnte ja nichts mehr schief gehen. Und dann hatte er noch zwei weitere Informationen für uns. Unter den peruanischen Autofahrern hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Fahren mit Licht der Batterie schadet, also wird nachts meist ohne Licht gefahren. Auch glaubt man hier, einen drohenden Unfall durch lautes Hupen abwenden zu können. Das letzte Risiko wird dann noch durch die vielen in den Autos aufgeklebten Heiligenbilder und durch ständiges Bekreuzigen während der Fahrt minimiert. Die vielen Kreuze an den Landstraßen zeigten die Realität.

Der Taxifahrer, der uns am nächsten Tag in die Altstadt brachte, schien sich auch voll auf seine Heiligenfigur an der Frontscheibe zu verlassen. Gas, Bremse und Hupe wurden offensiv eingesetzt, um sich durch den Großstadtverkehr eine Schneise zu schlagen. Petra und Katharina wurde es auf der Rückbank schon ganz schlecht und wir waren froh, als wir unser Ziel, die Plaza Mayor, erreicht hatten. Hier, am neu hergerichteten schönsten Platz der Stadt, stehen die Kathedrale, der Palast des Erzbischofs und der Regierungspalast. Typisch für das kolonialzeitliche Lima sind die reich geschnitzten Holzerker, von denen man das Leben auf der Straße beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. In der prächtigen Kathedrale befindet sich das Grab von Francisco Pizarro. Es wird von den Peruanern verehrt, wie das Grab eines Heiligen, obwohl Pizarro die hohe Inkakultur mit blutiger Gewalt vernichtet und das ganze Land geplündert hat.

Nach dem Bummel durch Limas Altstadt fuhren wir zurück zum Club Germania. Hier herrschte eine etwas bedrückte Stimmung. Das Wahlergebnis konnte für deutsche Investoren nicht schlechter ausfallen. Die zwei Sieger bei der Präsidentschaftswahl waren die extrem rechte Keiko Fujimori und der extrem linke Ollanta Humala. Hier im Club glaubte man, dass keiner von beiden die liberale Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, die zu Wirtschaftswachstum und sinkender Arbeitslosigkeit geführt hat, fortsetzen wird. Ein deutscher Unternehmer brachte es auf den Punkt. Die Stichwahl Anfang Juni ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Er wird wohl seine Firma in Lima schließen und zurück nach Deutschland gehen.

Wir ließen uns durch das Wahlergebnis den Tag nicht vermiesen. Bei deutscher Küche im Club-Restaurant verbrachten wir einen schönen Abend und bereiteten uns auf die Weiterfahrt nach Nasca vor.

14.04.2011 – Nasca - Geoglyphen und Mumien

„Wenn Sie einmal zufällig in Peru sind, dann versäumen Sie nicht sich die Geoglyphen in Nasca anzusehen“ hatte Erich von Däniken während eines Vortrags in Chemnitz vor einigen Jahren gesagt und damit Heiterkeit ausgelöst. Auch wir hatten damals nicht daran geglaubt, einige Jahre später in Nasca vor den Geoglyphen zu stehen. Die Scharrbilder in der trockenen Pampa bei Nasca gaben und geben noch heute den Wissenschaftlern Rätsel auf. Nur aus der Luft zu erkennen, sind ihr Zweck und ihre Bedeutung weitestgehend ungeklärt. Die Deutungsversuche von Erich von Däniken, übrigens seit 1979 Ehrenbürger der Stadt Nasca, haben zu vielen Diskussionen unter Archäologen und Historikern geführt. Aber genau diese fantastischen Deutungen trugen dazu bei, dass das Bilderbuch im Wüstensand international bekannt wurde. Wesentlich seriöser waren die wissenschaftlichen Untersuchungen der deutschen Mathematikerin und Geografin Dr. Maria Reiche. Maria Reiche war besessen von dem Gedanken, die Geoglyphen zu erforschen, zu vermessen und ihren Sinn zu verstehen. Nur ihr ist es zu verdanken, dass die Bilder im Wüstensand nicht von wilden Offroadfahrern zerstört worden sind und dass die UNESCO die Nasca-Geoglyphen als Weltkulturerbe eingestuft hat. Ihre Theorie, dass die Geoglyphen Teil eines großen astronomischen Kalenders seien, ist heute bewiesen.

Von dem, durch Maria Reiche auf eigene Kosten errichteten Aussichtsturm an der Panamericana konnten wir die Figuren ‚Hände’, ‚Baum’, und ‚Eidechse’ sehen, wobei auch diese Figuren durch Autofahrspuren nur sehr undeutlich zu erkennen waren. Im Maria-Reiche-Museum steht ein alter VW-Bus, mit dem eine von Frau Reiche privat finanzierte Truppe zum Schutz der Geoglyphen unterwegs war.

Besser zu sehen sind die Bilder vom Flugzeug aus, aber wir hatten an diesem Tag kein Glück. Am kleinen Flughafen in Nasca wurde uns gesagt, dass der nächste Flug erst gegen Mittag frei wäre und dann bewölkte sich der Himmel immer mehr und es wurde dunstig. Andere Fluggäste rieten uns davon ab, bei diesem Wetter zu fliegen. Wir würden nichts erkennen. Etwas traurig, aber auch froh nicht unnötig Geld ausgegeben zu haben, nutzten wir den Rest des Tages, um uns den archäologischen Friedhof in Chauchilla anzusehen.

Über eine Wüstenpiste erreichten wir das Gräberfeld. Hier soll es Tausende Mumiengräber der Nasca-Kultur geben. Überall wurden Knochenreste und Schädel gefunden. Archäologen wie auch Grabräuber hatten hier ein riesiges Betätigungsfeld. Heute sind 12 Grabkammern freigelegt und überdacht. Die schauerlich anzusehenden, über 1000 Jahre alten Mumien, saßen aufrecht in den Grabkammern. Teilweise war ihre Haut völlig konserviert und die langen Zöpfe sahen ganz real aus. Etwas makaber fanden wir diese Mumienschau schon, aber es gehört wohl auch zur peruanischen Kultur dazu. Auf alle Fälle ist dieser archäologischen Friedhof einmalig in Peru und einen Besuch wert. Noch am gleichen Abend fuhren wir weiter in Richtung Cusco.

18.04.2011 – Cusco - der Nabel der Welt

Unserer Fahrt von Nasca nach Cusco führte uns über annähernd 5000 Meter hohe Pässe. Herrliche Hochgebirgsebenen wechselten sich ab mit steilen Serpentinen. In einiger Entfernung sahen wir die schneebedeckten Gipfel der Cordillera de Huanzo. Auf den weiten Ebenen grasten Lamas, Alpakas und wir sahen auch viele wilde Vicuñas. Diese Wildkamele wurden bis vor wenigen Jahren erbarmungslos gejagt. Jetzt gibt es strenge Schutzbestimmungen, sodass sich der Bestand an Vicuñas langsam wieder erhöht. Die Wolle der Vicuñas ist die teuerste Naturfaser der Welt. Ein Kilo kostet bis zu 500 €, wobei pro Tier nur etwa 500 g Wolle jährlich gewonnen werden.

Wir rollten durch die fantastische Bergwelt der Kordilleren, die Sonne schien, die Straße war in einem einwandfreien Zustand,wir fühlten uns gut und waren glücklich - doch dann änderte sich schlagartig unsere Stimmungslage. Wir wurden Zeuge eines schweren Unfalls. Auf völlig gerader Strecke waren zwei Geländewagen frontal zusammengestoßen. Die Autos waren kaum noch als solche zu erkennen. Unter einer Plane lag eine tote Frau, eine blutleere Hand, wie aus Wachs, schaute unter der Plane hervor. Der Fahrer war eingeklemmt, aber offensichtlich auch tot. Wer sollte ihm auch hier in dieser Einsamkeit helfen. Ein Krankenwagen hätte Stunden bis zum Unfallort benötigt. Überall war Blut, Öl und Benzin liefen aus und Teile der zerstörten Autos lagen in der Gegend herum. Es war schrecklich und wir waren sehr aufgewühlt. Gut, dass wir nicht die Ersten am Unfallort waren. Wir erinnerten uns, dass uns der eine Wagen vor einigen Minuten überholt hatte. Eine halbe Stunde eher, und es hätte vielleicht uns getroffen.

Schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, fuhren wir bis kurz vor Cusco. Die Schönheit der Natur erreichte uns nur noch im Unterbewusstsein.

Am nächsten Morgen waren wir schon zeitig nach Cusco unterwegs und nach einigem Suchen hatten wir auch den kleinen Campingplatz „Quinta Lala“ gefunden. Der Platz war völlig aufgeweicht und wir trauten uns, nicht draufzufahren. Vor der Einfahrt war noch ein Plätzchen für uns frei. Dann gingen wir das erste Mal in die Altstadt.

Cusco ist einfach beeindruckend. Alles wirkt hier wie aus einem Guss. Am Plaza de Armas stehen die Kathedrale, die ebenso schöne Kirche Compañia de Jesus, die Universität und weitere eindrucksvolle Kolonialbauten. Welcher Glanz muss von der Stadt ausgegangen seien, als Francisco Pizarro mit seinem Gefolge am 15. November 1533 kampflos in Cusco einritt. Die Hauptstadt des riesigen Inkareiches, es erstreckte sich vom heutigen Ecuador bis nach Chile und Argentinien und hatte eine Nord-Südausdehnung, die der Entfernung vom Nordkap bis nach Sizilien entsprach, war die damals prunkvollste Stadt in Südamerika. Sie war das rituelle und politische Machtzentrum des Reiches und zugleich Schnittpunkt aller Straßen, Schnittpunkt des Weltlichen und Heiligen und Mittelpunkt des Inkareiches. Sie war der Nabel der Welt, was Cusco in der Inkasprache Quechua bedeutet.

Die heutige Plaza de Armas hieß damals Huacaypata, sie war von Tempeln, Palästen und Regierungsgebäuden umgeben und nahezu doppelt so groß wie heute. Der Platz war von einer massiven goldenen Kette umspannt. Die meisten Tempel und Paläste waren außen mit Goldblechen und -platten verziert und belegt, das Inka-Heiligtum Qoricancha zusätzlich auch noch von innen. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem Gold und erzeugten den Glanz einer Märchenstadt. Da die Inka kein Geld kannten, hatten auch Gold und Silber für sie keinen materiellen, sondern nur einen kultischen Wert. Gold galt als „die Schweißperlen der Sonne“ und Silber als „die Tränen des Mondes“. Pizarro hatte da ganz andere Wertvorstellungen. Er ließ die Kultgegenstände der Inka aus dem ganzen Reich zusammentragen und schmolz sie ein. Wochenlang liefen die Schmelzöfen, bis die geraubten 180.000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber eingeschmolzen waren. Die ganze Stadt Cusco, damals ein städtebauliches Juwel, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Welcher Frevel hier begangen wurde, zeigt die Schilderung des spanischen Chronisten Pedro Cieza de Leon, der seine Eindrücke von der alten Inkastadt schilderte: "Und keine Stadt des Imperiums hatte einen so vorzüglichen Stadtplan wie Cuzco, die Hauptstadt des ganzen Reiches und Sitz des Herrschers. Die Straßen waren lang, allerdings schmal, und die Häuser aus reinem Stein gemacht mit ganz vorzüglichem Fugenwerk. Vor allem waren es riesige und sehr sorgfältig zusammengesuchte Steine. Außerdem gab es den prächtigen und feierlichen Sonnentempel, der geschmückt war mit Gold und Silber aus allen Teilen des Reiches."

Die perfekte Baukunst machte es den Spaniern zunehmend schwer die prächtigen Gebäude zu zerstören, und so wurde teilweise auf den alten Fundamenten der Inka die neue Kolonialstadt Cusco aufgebaut. Die spanischen Baumeister waren denen der Inka unterlegen. Immer wieder mussten in den nachfolgenden Jahrhunderten die kolonialspanischen Gebäude nach Erdbeben wieder neu aufgebaut werden, während die erdbebensicheren Inkamauern bis heute allen Beben standhielten. Wie Legobausteine waren die großen Steinblöcke verzahnt, verbolzt und so perfekt behauen, dass in die mörtellosen Spalten keine Rasierklinge passte. An vielen Stellen in Cusco, so an den Grundmauern des ehemaligen Palastes des Inka Roca in der Calle Hatunrumiyoc oder an den Überresten des Inka-Sonnenheiligtums Qoricancha, auf die man die Kirche und das Kloster Santa Domingo gebaut hat, konnten wir diese perfekte Baukunst bewundern und den krassen Gegensatz der spanischen und der Inka-Steinmetzarbeiten besonders gut vergleichen.

In ganz Lateinamerika wurden indigene Kulturen zerstört und ihre Schätze geraubt, aber in Cusco erscheint es uns am dramatischsten. Darüber konnte auch die Schönheit der heutigen Kolonialstadt Cusco nicht hinwegtäuschen. Weitere drei Tage verbrachten wir in Cusco, besichtigen die Kathedrale, Museen, Kirchen, Klöster und prächtige Kolonialbauten, und immer wieder stießen wir auf Zeugnisse der Inka. Den Höhepunkt der Inkakultur hatten wir jedoch noch vor uns.

20.04.2011 – Machu Picchu - geheimnisvolle verlorene Inkastadt

Unser zweitägiger Ausflug nach Machu Picchu begann in Cusco. Wir fuhren durch das heilige Tal der Inka, das Valle Sagrado, nach Pisac. Zwischen steilen Felswänden und schneebedeckten Bergen befand sich hier ein wichtiges landwirtschaftliches Zentrum. Die Inka bauten terrassenförmige Felder bis zu den Bergspitzen, auf denen sie Mais und Kartoffeln anbauten. 20 verschiedene Sorten Mais und 3000 Sorten Kartoffeln kannten die Inka und ständig wurden neue Sorten entwickelt und an die spezifischen Anbaubedingungen angepasst. Die Terrassenfelder hatten ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, welches bis heute funktioniert und genutzt wird. Zur Aufbewahrung der Ernte wurden spezielle luftdurchflutete Lagerhäuser gebaut, die wir in Pisac, aber auch an vielen anderen Stellen im Valle Sagrado sehen konnten.

Über dem Ort Pisac und den Terrassenfeldern thronte eine stolze Inkafestung. Leider war nicht mehr sehr viel davon zu erkennen, die Festung ist eine Ruine und wir brauchten viel Fantasie, um uns die damaligen Verhältnisse vorstellen zu können. Ähnlich sah es in Ollantaytambo aus. Obwohl sich der Grundriss dieser Stadt seit der Inkazeit fast nicht verändert hat und es die einzige noch erhaltene Inkastadt ist, die aus Steinen erbaut wurde, war für uns nicht mehr viel von der einstigen Hochkultur zu erkennen. Schon eher sehenswert war die Festung Ollantaytambo, die sich wie ein Adlerhorst über der Stadt und den steilen Terrassen an einen mächtigen Bergsporn schmiegt. Neben den rein militärischen Aufgaben, wie dem Schutz des Valle Sagrado, hatte die Festung, wie auch die in Pisac, eine kultische Bedeutung. In den Festungen gab es jeweils auch monumentale Tempel. Für den, nicht fertiggestellten, Tempel in Ollantaytambo wurden Steinblöcke von bis zu 50 t Gewicht verwendet. Es ist kaum vorstellbar, wie die Baumeister der Inka diese riesigen Steinblöcke, ohne Benutzung von Rad oder Flaschenzug, vom Steinbruch auf der anderen Seite des Tales über den steilen Berg hinauf bis hierher transportiert haben. Aber Pisac und Ollantaytambo waren nur eine fade Einstimmung auf das, was uns am nächsten Tag erwartete.

Mit dem Zug, der einzigen Möglichkeit nach Machu Picchu zu kommen, wenn man mal von den verschiedenen Trails absieht, fuhren wir von Ollantaytambo durch das Tal des Rio Urubamba nach Aguas Calientes, der Endstation der Eisenbahnstrecke. Aguas Calientes, auch als Machu Picchu Pueblo bekannt, ist ein Ort, der zu 100 % vom Tourismus lebt. Manche sagen, es ist eine der hässlichsten und teuersten Kleinstädte Perus, aber für alle, die nach Machu Picchu wollen, führt kein Weg an diesem Ort vorbei. Auch wir verbrachten hier eine Nacht, um am nächsten Morgen ganz früh die geheimnisvolle Inkastadt zu besuchen.

Mit einem der ersten Busse fuhren wir die steile Serpentinenstraße zur verborgenen Inkastadt hinauf und mussten feststellen, dass trotz dieser frühen Stunde schon Hunderte Menschen am Eingang zu Machu Picchu warteten. Die Eingangskontrolle ging aber zügig vor sich und nach wenigen Minuten standen wir oberhalb von Machu Picchu - und sahen nichts. Der für diese Jahreszeit typische Nebel verdeckte die Sicht und ließ uns die Dimensionen dieses Ortes nur erahnen. Unser Tourguide, der uns zwei Stunden durch die eindrucksvolle Stadt führte, beruhigte uns. Er meinte, „nach 10.00 Uhr ist der Nebel verschwunden“, und er hatte recht.

Viel könnte man schreiben, über die Perfektion der 216, mit unzähligen Treppen verbundenen, steinernen Häuser, dem Wassersystem oder den magischen Intiwatana-Stein, der für den Sonnenkult der Inka eine ganz besondere Bedeutung besaß. Für uns jedoch war die Betrachtung von Machu Picchu als Gesamtbauwerk am eindrucksvollsten. Lange saßen wir am Mirador, dem höchsten Punkt der Stadt, und ließen das Panorama der Stadt und des dahinterliegenden steilen Felsens, des Huaynapicchu, auf uns wirken. Besonders die geheimnisvolle Atmosphäre der Stadtanlage und die harmonische Verbindung von Natur und Architektur sind einmalig. Zurecht wird Machu Picchu als eine der eindrucksvollsten archäologischen Stätten Südamerikas bezeichnet.

Die Fähigkeit der Inka-Baumeister war für uns nur am sichtbaren Stadtbild zu erkennen. Ihre wahre Leistung liegt jedoch unter der Erde verborgen. Die, auf einem begradigten Felsplateau errichtete Stadt hält sich, mit ihren künstlich errichteten Terrassen, selbst in der Waage. Aber genau hier tickt die Zeitbombe. Nach Berechnungen der UNESCO sind 800 Besucher täglich die absolute Höchstgrenze, um keine bleibenden Schäden an diesem einmaligen Kulturgut zu hinterlassen. In der Hochsaison drängen sich aber bis zu 4000 Touristen täglich durch die engen Gassen und die steilen Treppen von Machu Picchu. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass die Hänge des Berges pro Monat um 1 cm abrutschen. Über kurz oder lang könnte das zu einem katastrophalen Erdrutsch, im schlimmsten Fall sogar zur Zerstörung von Machu Picchu führen. Die zerstörerische Kraft der Menschenmassen wurde uns dann gegen Mittag bewusst. Mit dem Frühzug angekommen strömten Tausende Tagestouristen in die alte Inkastadt und holten uns in die Wirklichkeit zurück. Jeder Felsvorsprung, jeder Mauerrest der Ruinen wurde erklommen, um das schönste Foto mit nach Hause nehmen zu können. Das Aufsichtspersonal war völlig überfordert und diesem Massenansturm nicht gewachsen. Für uns wurde es Zeit diesen mystischen Ort, der jetzt eher einem Ameisenhaufen glich, mit einmaligen Eindrücken zu verlassen.

Machu Picchu ist der größte Devisenbringer für den peruanischen Staat. Eine Beschränkung der Besucherzahlen ist derzeit sehr unwahrscheinlich und so hoffen wir, dass die Bezeichnung ‚Machu Picchu - die verlorene Stadt’, nicht in einem ganz anderen Sinne wahr werden wird.

25.04.2011 – Titicacasee - Puno und die schwimmenden Inseln der Uro

Wir fuhren auf einer guten Teerstraße von Cusco in Richtung Puno am Titicacasee. Die Straße folgt auf diesem Teilstück der alten Inka-Straße NAN CUNA. Über 5200 km lang, verlief diese Straße einst von Kolumbien bis nach Chile. 8 Meter breit und zum größten Teil befestigt war sie eine weitere Meisterleistung der Inka-Baukunst. Das Inka-Straßensystem betrug mehr als 20.000 km und hatte seine Kreuzungspunkte in Cusco. Viele dieser Straßen werden heute noch genutzt oder stellen, mit einem Asphaltbelag versehen, moderne Verkehrsverbindungen dar.

Hinter Cusco umgab uns Natur pur. Die Straße folgte dem Rio Vilconata und verlief durch ein wildromantisches Hochgebirgstal, umgeben von hohen, teilweise schneebedeckten Bergen. Auf eine Hochebene hinter Sicuani stiegen Dampfwolken aus der grünen Wiese auf. Über 400 heiße Quellen treten bei dem Ort, der Aguas Calientes genannt wird, aber in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Eisenbahnhaltepunkt ist, an die Oberfläche. In dem einfach angelegten Thermalbad relaxten wir bis zum späten Abend und durften, gut bewacht, auf dem Gelände des Thermalbades die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen machte mich ein Hinweisschild auf den kleinsten Vulkan der Welt neugierig. Ob diese Aussage stimmt oder ob es wieder eine Touristenfalle ist, konnten wir nicht zweifelsfrei klären. Auf alle Fälle war es interessant, auf den kleinen Steinhügel zu klettern und das blubbernde heiße Wasser zu beobachten, das hier, aus den Tiefen der Erde an die Oberfläche trat.

Nur wenige Kilometer weiter überquerten wir, in einer Höhe von 4338 Meter, den Pass „Punto Culminanta“. Er ist die südamerikanische Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik. Nördlich des Passes befindet sich die Quelle des Rio Vilcanota, dessen Verlauf wir seit Cusco gefolgt waren, und der in den Amazonas und damit in den Atlantik fließt. Alle südlich des Passes entspringenden Flüsse münden in den Pazifik. Hinter der Passhöhe beginnt der Altiplano, die zwischen 3500 und 4000 Meter gelegene andine Hochebene. Sie zieht sich von hier über den Titicacasee bis weit nach Bolivien hinein. Die Fahrt wurde nun etwas eintöniger, die Straße verlief schnurgerade bis zum Horizont. Etwas abseits sahen wir wieder eisbedeckte Berge, wie den 5433 Meter hohen Cunurana. Hunderte, am Straßenrand weidende Alpacas und Lamas lockerten die Eintönigkeit etwas auf.

Kurz vor Puno passierten wir die Provinzhauptstadt Juliaca. Sie hinterließ bei uns einen schlechten Eindruck. Es war die dreckigste und verkommendste Stadt unserer bisherigen Reise. Müllberge lagen am Straßenrand, abgemagerte Hunde suchten im Abfall nach Essensresten und an der Einfahrt zur Umgehungsstraße war so ein großes Loch, dass ein vor uns hineingefahrener Geländewagen nicht aus eigener Kraft wieder herauskam. Wir waren froh, als wir diese schmutzige Stadt hinter uns gelassen haben und nach wenigen Kilometern Puno erreichten.

Puno ist auch nicht gerade das, was man als eine schöne Stadt bezeichnen würde, aber ihre Lage, direkt am Titicacasee, dem höchsten schiffbaren See der Welt, machte sie für uns interessant. Auf dem Parkplatz des Luxushotels Posada del Inka fanden wir einen ruhigen und sicheren Stellplatz. Von hier war es nicht weit zur Innenstadt und zu dem kleinen Hafen, von dem aus wir am nächsten Morgen einen Ausflug zu den schwimmenden Inseln der Uro starteten.

Obwohl das Volk der echten Uro heute ausgestorben ist, der letzte reinrassige Uro starb wahrscheinlich um das Jahr 1958, versuchen ihre Nachfahren die Uro-Kultur zu erhalten. Natürlich wird heute vieles extra für Touristen arrangiert. Trotzdem war es hochinteressant, zu sehen, wie die Uros völlig unabhängig auf ihren Schilfinseln lebten und das Totora-Schilf in vielfältigster Weise ihre Lebensgrundlage bildete. Nicht nur die Inseln selbst waren aus Totora-Schilf, auch ihre Häuser, ihre Boote und viele Haushaltsgegenstände wurden aus dem Schilf gefertigt. Darüber hinaus lebten auf speziellen Inseln auch Schweine, Rinder und Hühner, die sich ausschließlich von dem Schilf ernährten. Die Uros nutzten das Schilf sogar als Nahrungsquelle und wir haben es ausprobiert, es war wirklich süß und schmackhaft.

Durch ihre autarke Lebensweise auf dem See war das Volk der Uro das Einzige, was von den Inka zu keiner Zeit unterworfen wurde. Die Uro verteidigten ihre Unabhängigkeit und waren stolz darauf.

Am Nachmittag besichtigten wir noch das Motorschiff Yavari, das am Bootsanleger unseres Hotels festgemacht war und als Museumsschiff die Geschichte der Binnenschifffahrt auf dem Titicacasee anschaulich dokumentierte. Am interessantesten für uns war jedoch die Geschichte, wie das Schiff zum Titicacasee gekommen ist. 1862 in England gebaut wurde es in Arica/Chile in seine Einzelteile zerlegt, mit der Eisenbahn nach Tacna gefahren und von dort mit einer Maultier- und Lamakarawane zum Titicacasee transportiert. Dort setzte man das Schiff wieder zusammen und für mehr als 100 Jahre verrichtete die Yavari ihren Dienst auf dem See.

Am nächsten Morgen fahren wir die Panoramastraße, immer am Ufer des Sees entlang, in Richtung Bolivien. Es war keine weite Strecke und wir freuten uns schon darauf, am frühen Nachmittag in Copacabana zu sein. Wieder einmal kam alles anders. Anfangs wunderten wir uns noch über die vielen Steine, die auf der Straße lagen. Wahrscheinlich, so dachten wir, waren sie von den steilen Hängen neben der Straße herabgestürzt. Dann waren die Steine schon zu kleinen Haufen aufgeschichtet, die unsere Weiterfahrt blockierten. Noch konnten wir uns den Weg selbst freiräumen, bis dann eine richtige Straßensperre die Weiterfahrt unmöglich machte. Es war der Beginn einer Protestaktion, die in den nächsten Wochen weite Bereiche des südlichen Perus erfasste und in Aggressivität und Übergriffen mündete. Wir hatten Glück und konnten nach circa 5 h die Straßensperre passieren. Auf den letzten Kilometern bis zum Grenzübergang nach Bolivien waren noch einige halbherzige Blockaden aufgebaut, die wir aber schnell zur Seite räumen konnten. Am späten Nachmittag passierten wir ohne Probleme die Grenze zu Bolivien.